Von Fritz Sack

Das Phänomen ist keineswegs auf Amerika beschränkt. Dort aber wurde es literarisch verdichtet, in bestsellerweitem Ausmaß: Die Erotik am Arbeitsplatz. Gefahr oder Symptom? Vermeidbare Begleiterscheinung oder strukturell bedingter Bestandteil der modernen Industriegesellschaft?

Worum es geht, ist klar, wenn auch die Storys, die sich damit beschäftigen, manchen Akzent falsch setzen, manche Lücke lassen und deswegen eher Schlimmeres in Gang bringen statt verhüten zu helfen: Auf der einen Seite das Tête-à-tête der Chefsekretärin mit dem, dem sie berufliches Ungemach vom Halse halten soll, auf der anderen Seite die sich im Gestrüpp der Haushaltsführung und der Kindererziehung verschleißende Ehefrau, die hintergangen und um den legitimen Preis ihres Lebens gebracht wird. Denn schwerlich wohl vermögen Moralisieren und Tugendpredigen wieder zu beleben, was an eine bestimmte wirtschaftliche und gesellschaftliche Realität geknüpft war, und sei es bei den Beziehungen der Geschlechter zueinander.

Was bedeutet das denn eigentlich: Erotik am Arbeitsplatz?

Die Erotik kennt viele Spielarten und Äußerungsformen. Setzen wir sie gleich mit Sexualität, so bekommen wir sicherlich nur einen ihrer Zipfel zu fassen. Sie kann sich aggressiv zeigen und direkt, sie vermag Umwege zu gehen, ohne daß ihre Subjekte es merken. Man müßte das Labyrinth (und das ganze Gestrüpp) des Eros’ und seines Schicksals, dessen Dechiffrierung mit dem Namen Freuds und der Psychoanalyse untrennbar verbunden ist, ausbreiten, um sich der Vielfalt der Erscheinungen und der differenzierten „Symptomatologie“ der Erotik – auch der am Arbeitsplatz – zu vergewissern. Das ist sicherlich eine zu anspruchsvolle Aufgabe, und deshalb wäre gut, wenn man die Komplexität dieses Themas im Sinne behielte und niemand grobe Striche für das ganze Bild nähme.

Nun sind allerdings die zum Klischee erstarrten und karikierten Fälle zwei extreme Beispiele: Das Techtelmechtel, das die Chefsekretärin mit ihrem Boß hat, und der Betrug, den der Ehemann mit der Berufskollegin an seiner daheimgebliebenen Ehefrau übt. Aber vielleicht sind das doch die eigentlichen neuralgischen Punkte.

Zunächst ein paar Fakten, die Wirklichkeit sind. Nahezu 7,7 Millionen weiblicher Arbeitskräfte im Beruf, in Fabriken, Büros, Verwaltungen, in der Schule und überall da, wo wir ihre geschlechtlichen Antipoden Geld verdienen und Selbsterfüllung suchen sehen. Die Standfestigkeit der letzten Bastionen männlicher Berufsprivilegien hat fast schon den Charakter viriler Reservate, die wir uns aus Gründen der Tradition, der Möglichkeit staunenden Wunderns und nicht zuletzt der psychischen Hygiene erhalten sollten. Es ist eine Wirklichkeit, die allgemein akzeptiert und auch forciert, wenn auch selten in ihren Konsequenzen reflektiert wird. Sie ist zunächst nichts anderes als eine berufliche Realität der Industrie- und Arbeitswelt.