Von Adolf Metzner

Li, mein chinesischer Dolmetscher, schaute verwundert auf, als ich ihm meine Wünsche für die Besichtigungen am nächsten Tag in Schanghai nannte: die Sporthochschule, das Stadion und, wenn möglich, ein Gespräch mit Sportmedizinern und Trainern.

Das stand nicht auf dem Routineprogramm, das man für die wenigen Normaltouristen bereit hält, die sich in der Zehnmillionenstadt verlieren und dort, wo sie auftauchen, fast wie Wundertiere freundlich bestaunt werden. Die Industrieausstellung, eine Volkskommune, ein Warenhaus oder auch der Yadetempel, das war das übliche Angebot – aber Sport, das war offenbar so völlig neu, daß der junge und immer freundliche Li, der ein akzentfreies Deutsch auf der Hochschule für Dolmetscher gelernt hatte, doch meinte, so etwas müsse man vorbereiten,’ das ginge nicht von einem Tag auf den anderen – übermorgen vielleicht.

Am übernächsten Tag, morgens um 9 Uhr, pünktlich wie eine Präzisionsuhr wie alle seine Kollegen, kam Li strahlend mit der Nachricht in mein Hotelzimmer: alles sei in Ordnung, wir könnten sofort zur Sporthochschule starten, und anschließend würden wir das Stadiongelände besichtigen; nur die gewünschte Unterredung mit den Trainern und Medizinern hätte sich so schnell nicht arrangieren lassen!

Vor dem Friedenshotel, das eigentlich „Zur himmlischen Küche“ heißen müßte, stand wie immer und überall der Wagen mit dem Fahrer zur Abfahrt bereit. Niemals auf meiner Reise durch die Volksrepublik China habe ich auch irgendwo nur eine Minute warten müssen, so exakt war alles organisiert; ganz im Gegensatz zur Sowjetunion, wo gar nicht so selten eine gemütliche slawisch – orientalische Schlamperei herrschte. Die roten Preußen stehen jetzt anscheinend nicht mehr an der Moskwa, sondern am Gelben Fluß.

Die Fahrt zur Sporthochschule dauerte ziemlich lange, wir durchquerten die riesige Stadt, bis wir auf freies Gelände kamen. Auch der Fahrer mußte sich nun durchfragen. Endlich hielten wir vor einem gewaltigen Gebäudetrakt mit einem roten Transparent mit goldfarbener Bilderschrift. Am kommenden Tag, dem 1. Oktober, wurde die 15. Wiederkehr der Revolution mit einer geradezu gigantischen Parade von 70 000 Mann gefeiert.

Auf der Freitreppe standen zwei freundliche Herren, um uns zu empfangen. Jetzt spielte sich das gleiche Zeremoniell wie bei jeder Besichtigung ab. Ich wurde mit Li, dem Dolmetscher, in einen Repräsentationsraum geführt, der einen stattlichen Vorrat an Sesseln aufwies; grüner Tee wurde gebracht und die übliche Ansprache gehalten, die mit einem Willkommensgruß begann; dann wurde die Bedeutung und Entwicklung des betreffenden Objektes, erläutert, und das Ganze endete mit einem Dank an die kommunistische Revolution.