Dolf Sternberger: Die große Wahlreform, Zeugnisse einer Bemühung; Westdeutscher Verlag, Köln/Opladen; 251 Seiten, 19,– DM.

Von der Erkenntnis hingerissen, die Weimarer Republik sei an dem Proporz zugrundegegangen, pflanzte Dolf Sternberger 1946 die aus den angelsächsischen Reichen übernommene „Mehrheits- und Personenwahl“ als Kardinalprinzip künftiger besserer deutscher Demokratie auf den Trümmern der alten auf. Mit einem Enthusiasmus, der an die nationalsoziale Bewegung an der Jahrhundertwende erinnert, schlossen sich Angehörige der Bildungsschicht in der von ihm geführten Deutschen Wählergesellschaft zusammen, um den neuen Staat auf dem, seit 1919 neuen, Wahlgrundsatz zu errichten. In der Tat hat er sich in den meisten Ländern und in der Bundesrepublik immerhin für die Hälfte der Abgeordneten durchgesetzt. Doch die Zusammensetzung der Parlamente blieb im ganzen der Verhältniswahl unterworfen. Sie fand schließlich in dem 1956 beschlossenen Bundeswahlgesetz einen, angesichts der Hinterbänkler wohl unaufhebbaren Niederschlag, wenn auch ein Wahlrechtskonsensus keineswegs erreicht ist.

So ragt Dolf Sternbergers Sammlung unretuschiert wieder abgedruckter Aufsätze und Vorträge als Denkmal einer einst erregenden Hoffnung in die heutige Parteiengegenwart. Hier findet sich wieder seine klassische Abfuhr des sogenannten „Grabensystems“, das anonym bleibenden Kandidaten der größten Partei durch undurchsichtige Zahlenkunststücke die absolute Mehrheit verschaffen sollte; hier der Hinweis, das Stabile an unserem Staat sei eigentlich die Spielregel, nach der sich die Spannungen zwischen Parlament und Volk stets wieder ausgleiche, und Dutzende weiterer, gescheiter, erhellender Einblicke in die Wirklichkeit politischen Geschehens.

Doch zur Hauptsache, der Wahlrechtsfrage, macht der’Band fast bestürzend deutlich, wie im weltlich-historisch-politischen Bereich Glaube und Wissen nebeneinander wohnen können. Sternberger räumt selber drastisch ein, daß er und seine Freunde durch die seit nahezu zwei Jahrzehnten „ganz anders“ verlaufende Entwicklung „Lügen gestraft“ seien. Daß statt sich auf ein Dutzend Parteien zu zersplittern, 1953 und mehr noch 1957 sich an die neunzig Prozent der Wähler auf nur zwei Parteien sammelten, das hat er „buchstäblich wie ein Wunder erlebt“.

Aber den Sprung vom Wunder als des Glaubens liebstem Kind zum wissenschaftlichen Sich-Wundern vollzieht Sternberger nicht. Dem Proporz hat er Wirkungen zugeschrieben, die er offenbar nicht zwangsläufig hat. War die Ausgangsbasis – die vierzehn Weimarer Jahre zu schmal, als daß man darauf apodiktische Prognosen aufbauen könnte? Sind Wählerbewegungen nicht von Wahlgesetzen weit unabhängiger als man annahm? Aber eben dieser Schritt, seine ursprünglichen Vorstellungen angesichts einer unerwarteten Wirklichkeit in Frage zu stellen, gelingt Sternberger noch nicht. Von ihm gilt, was er (S. 27) von den anderen sagt: „Offenbar ist die Erfahrung allein nicht imstande, den menschlichen Geist zu wandeln.“

Auf jeden Fall aber bleibt Sternbergers Essay-Sammlung ein unvergängliches Zeugnis für einen edlen Irrtum – und eine Aufforderung zu prüfen, ob sich die Person- von der Mehrheitswahl lösen und sich aus der Personenwahl ein Mittel gegen die anonymen Parteilisten gewinnen ließe.

Wolfgang Schwarz