Schwerste Wirtschaftskrise seit Faruks Sturz – Frankreich will auch im Nahen Osten helfen

Für Gamal Abdel Nasser fing das neue Jahr schlecht an. Ausgerechnet zum Beginn der arabischen Gipfelkonferenz, die Anfang dieser Woche in Kairo wieder einmal über den Konflikt mit Israel beriet, floh ein hoher Geheimdienstfunktionär nach Persien. Peinlicher noch waren Nassers finanzielle Nöte: Ägypten steckt zur Zeit in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Sturz König Faruks vor zwölf Jahren.

Das ägyptische Handelsdefizit erreichte im letzten Jahr die Rekordsumme von 1,56 Milliarden Mark. Das Land ist so arm an Devisen, daß es nicht mehr genügend Lebensmittel einführen kann. Mangel an Reis und Zucker ließ die Preise hochschnellen, und Nasser mußte sogar für jede Woche drei fleischlose Tage proklamieren. Wegen der Verlustgeschäfte großer Staatsunternehmen mußte die Kairoer Börse drei Tage lang schließen, Die Goldreserven sind zusammengeschmolzen, da Ägypten angeblich gezwungen war, allein im Dezember für 120 Millionen Mark Gold ins Ausland zu verkaufen.

Eine der Gründe für diese Misere ist der rasche Anstieg der Bevölkerungszahl (jährlich 700 000). Aber Nasser hat die Krise auch selber verschuldet – durch zu ehrgeizige Industrialisierungspläne, hohe Rüstungslasten und das kostspielige, jahrelange Kriegsabenteuer im Jemen. Präsident Nasser würde sich gern seiner kostspieligen Verpflichtungen im jemenitischen Bürgerkrieg entledigen. Aber er findet den Absprung nicht. Selbst Anhänger der Republikaner wünschen jetzt nichts sehnlicher als den Abzug der verhaßten ägyptischen Soldaten und einen Frieden mit den Royalisten, etwa in der Art, daß sowohl Präsident Sallal (der Schützling Nassers), als auch der Imam Badr (ein Protegé König Feisals von Saudi-Arabien) das Feld räumten. Statt dessen hat Sallal auf Geheiß Nassers eine neue proägyptische Regierung gebildet, die mit dem Kriegsrecht regiert. Abtrünnige Minister werden vor Gericht gestellt,

Seine Intervention im Jemen und neuerdings auch im Kongo haben Nasser diplomatische Verwicklungen mit den USA beschert. Sollten die USA im Sommer ihre Weizenlieferungen einstellen, muß sich Ägypten nach neuer. Lieferanten umsehen. Die Sowjetunion winkte bereits ab. Vizeministerpräsident Schelepin hat zwar bei seinem letzten Besuch als Geschenk eine 252-Millionen-Rubel-Anleihe mitgebracht, aber zugleich erklärten die Russen: „Wir sind nicht der reiche Onkel wie die USA.“

Der Helfer in der Not hat sich jedoch schon erboten: Charles de Gaulle. Sein Vorreiter Edgar Faure sondierte vorige Woche in Kairo. Frankreich plant im Nahen Osten eine ähnliche „Offensive“ wie 1964 in Lateinamerika. Kein Staatsmann des Westens ist heute in Ägypten so populär wie de Gaulle, der seine Chance zu nutzen weiß – in einem Moment neuer Spannungen zwischen Kairo und den Angelsachsen.

Druck auf Bonn

De Gaulle hat sich ausbedungen, daß das freundschaftliche Verhältnis Frankreichs zu Israel trotz der Annäherung an Kairo erhalten bleibt. (Frankreich hatte 1956 die israelische Offensive auf der Sinai-Halbinsel militärisch unterstützt.) Sein deutscher Verbündeter dagegen hat es nicht so leicht, mit Arabern und Israelis gleichermaßen gut Freund zu sein. Nasser setzte auf der Gipfelkonferenz einen Beschluß durch, der die Bundesregierung unter Druck setzen soll, damit sie die Militärhilfe für Israel einstellt und keine diplomatischen Beziehungen zu Tel Aviv aufnimmt. (Zur selben Zeit inspizierten israelische Offiziere in Deutschland den neuen „Leopard“-Panzer der Bundeswehr.) Wiederum drohen die Araberstaaten mit einer diplomatischen Anerkennung der DDR, doch soll es jedem Staate überlassen bleiben, ob er die Drohung wahrmachen will.