Franz Josef Strauß scheint sich über die Weihnachtsfeiertage mit dem amerikanischen Geschichts- und Geschichtenschreiber Hoggan befaßt zu haben. Am vergangenen Wochenende jedenfalls überraschte der CSU-Vorsitzende die Zuhörer einer Parteiversammlung im fränkischen Günzenhausen mit der Erkenntnis: Deutschland habe den Zweiten Weltkrieg nicht allein verschuldet. England habe sich durch seine Appeasement-Politik an seinem Ausbruch mitschuldig gemacht.

Strauß ist sicherlich zu intelligent, als daß er die törichte These, die er vertritt, selber glaubte; sein Unsinn hat Methode. Der CSU-Vorsitzende bemüht sich schon seit einigen Monaten, seiner Partei und damit sich selbst mehr Gewicht zu verschaffen: Er wirbt um Zuzug aus dem Lager der "heimatlosen Rechten". Noch vor einem Jahr hatte er in diesem Lager nur wenig Freunde gehabt. Damals noch wurde er von der "Deutschen Nationalen Zeitung und Soldaten-Zeitung", dem auflagenstärksten und zugleich radikalsten Blatt der Rechten, erbittert attackiert. Im vergangenen Sommer begann das Blatt plötzlich, in dem CSU-Vorsitzenden einen potentiellen Mitkämpfer zu sehen. Strauß hatte Verhandlungen mit den Resten der bayerischen GDP aufgenommen, in der nach dem Ausscheiden der Gemäßigten Freunde der "Soldaten-Zeitung" das Wort führten. Die "DNZSZ" wurde zum enthusiastischen Befürworter einer Verbindung zwischen CSU und GDP, die – so schrieb das Blatt – auf die Millionen der heimatlosen Rechten "eine außerordentliche Anziehungskraft ausüben werden" und "sicher zur drittstärksten Bundestagspartei aufrücken" könnte.

Anfang Dezember war der Pakt mit der GDP perfekt. Das Restgrüppchen der Vertriebenenpartei, die schon vor ihrem Zerfall kein Mandat mehr erhalten hatte, handelte einen erstaunlichen Preis aus: über zwei Direktmandate und drei Listenplätze soll die bayerische GDP mit CSU-Hilfe wieder in den Bundestag einziehen.

Die radikale Rechte forderte von dem CSU-Vorsitzenden jedoch nicht nur Bundestagsmandate als Mitgift für die politische Ehe. Sie verlangte ein nationales Bekenntnis. Die "DNZSZ" lobte sein außenpolitisches Konzept, drohte aber gleichzeitig: "Für die National-Zeitung hört der Spaß hingegen auf, wenn F. J. Strauß glaubt, sich aus taktischen Gründen von jeder Form des Nationalismus distanzieren zu müssen ... Wir warten gespannt darauf, ob sich der Vogel Strauß aus den Eierschalen der Umerziehungsideen befreien kann."

Für die radikale Rechte heißt die nationale Gretchenfrage: Wie stehst du zur deutschen Kriegsschuld und zur "Diffamierung des deutschen Volkes"? Strauß dürfte ihr am vergangenen Samstag eine befriedigende Antwort gegeben haben. Er sprach nicht nur Hitler von der Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg frei, sondern forderte auch ganz im Sinne der radikalen Rechten: "Wir sollten die systematische Diffamierung des deutschen Volkes mit aller Entschiedenheit und viel energischer als bisher bekämpfen."

Ludwig Erhard hatte bereits im August davor gewarnt, daß sich "unter dem Feigenblatt einer angeblich konservativen Politik ein neuer Nationalismus bayerischer Provenienz" entwickeln könnte. Und er hatte damals hinzugefügt: "Das allerdings würde mich zu einem harten Kampf herausfordern." Es scheint, daß nun für den Kanzler die Zeit zum Kämpfen gekommen ist.

Kai Hermann