Der Kandidat, ein amerikanischer Film, gab Gelegenheit, Eugen Kogons zu gedenken. Mit Selbstkritik und Verve, Eleganz und Ironie wurden die Machenschaften der Präsidentschaftswahlen analysiert, die finsteren show-Geschäfte entlarvt, der sinistre Massenrummel demaskiert. Von Bestechung und schmutziger Wäsche, von gemeiner Erpressung, Gangster-Lobbyismus und Wild-West-Methoden ging die Rede; Eisenhower und Goldwater, seiner Grenzen bewußt der eine, skrupellos und antikommunistisch der andere, waren, um mit Bloch zu sprechen, bis zur Kenntlichkeit entstellt; das Drumherum, der Jargon der Frauenvereine, die Händeschütteleien und das Intrigenspiel (Kabalenpolitik in texanischem Stil), erschienen in der grotesken Abstraktion, als riesige Farce; die Kandidaten berechneten ihre Parolen, das Volk wollte sein Kasperle-Spiel.

Amerika, du hast es besser! Man stelle sich einen deutschen Film vor, in dem ein ehrenwerter Präsident auftritt, der eine etwas trottelige Rede hält – einen Film, dessen einer Protagonist dem Gegner vorwirft, er sei minderen Geblüts, trüge den Mutter-, aber nicht den Vaternamen – einen Film, in dem ein Kaufhauskonzern Rechenschaft über die politischen Entgelte der von ihm gegebenen Gelder verlangt: das alles zugespitzt, vergröbert, vereinfacht, hier verschleiert, dort unterstrichen, das alles, ohne die liebenswerten Seiten der Affäre zu unterdrücken, das alles, um auch die Gegenkräfte, Lauterkeit und Staatsmannssinn für einen echten Kompromiß, zu zeigen ... die Reaktionen der Parteien’sind nicht auszudenken! Jeder würde sich in jedem wiedererkennen, von Zersetzung der demokratischen Ordnung, von Weimars drohendem Beispiel wäre die Rede; die Gerichte hätten es mit Ministerklagen zu tun, die Linksintellektuellen stünden am Pranger.

Oder ist das nicht so? Kann man auch hierzulande einen Film drehen, in dem die Entartungen unseres Wahlkampfs sich so gnadenlos, wie in „Der Kandidat“ präsentieren?

Die Reaktionen auf viele „Panorama“-Kritiken stimmen bedenklich. Ein Jahr lang war ein Mann am Werk, der Sachlichkeit mit Leidenschaft, Mut mit Nüchternheit und republikanischen Sinn mit wahrer Autorität zu verbinden verstand, Unbestechlichkeit gepaart mit Humor, und dazu jene Eigenschaft, die Theodor Fontane als die höchste galt, die Selbstironie: Wie selten kommt das zusammen! Kogon sei Dank; der Film eines Landes, in dem Selbstironie offenbar nicht als Beschmutzung des eigenen Nests gilt, war der Anlaß, um seiner Amtszeit nicht ohne Melancholie zu gedenken. Momos