Die Nachricht stimmt ein wenig wehmütig: „Herr Rudolf August Oetker aus Bielefeld erwarb den Firmennamen Lutter & Wegner, und ... es erfolgte die Wiedereröffnung in Rüdesheim am Rhein. Lutter & Wegner-Sekte und -Weine werden über ein Vertriebsnetz freier Handelsvertreter in der gesamten Bundesrepublik verkauft. In diesem Jahr soll der alte historische Weinkeller an neuer Stelle in Westberlin wieder erstehen.“

Der alte Keller am Berliner Gendarmenmarkt in der Charlottenstraße, Ecke Französische Straße! Er war Weinhandlung, Probierstube, nächtlicher Treffpunkt für Künstler, Literaten und neugierig-staunende Provinzler, eine legendenhaft verklärte Berliner Institution, gegründet 1811. Es gab exzellenten französischen Burgunder bei Lutter & Wegner. Der preußische Kammergerichtsrat Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann wußte ihn zu schätzen, wenn er allabendlich mit dem Schauspieler Ludwig Devrient hier zusammentraf. Kammergericht und Schauspielhaus lagen nicht weit vom Weinhaus. Das berühmte Freundespaar sammelte erlauchte Namen um sich, Chamisso, Tieck, Schleiermacher, Hegel, Savigny und Gneisenau. Das Geschäft blühte, der Weinkeller florierte, und als einmal Devrient bei Lutter & Wegner hoch in der Kreide stand und ihm vorsichtig bedeutet wurde, seine Burgunder-Rechnungen doch auch einmal zu bezahlen, blieb er einfach fort. „Kommen Sie wieder“, bat der Wirt den königlichen Schauspieler, „ich streiche Ihnen die Hälfte.“ – „Ich streiche Ihnen die andere Hälfte“, sagte Ludwig Devrient und erschien wieder.

Über die Zeiten hinweg, bis in die zwanziger und dreißiger Jahre, blieb der Keller am Gendarmenmarkt einer der Sammelpunkte der Prominenz: Jessner, Reinhardt und Heinrich George, Großindustrielle und namenlose Berliner Studenten. Schließlich kamen auch die neuen Herren. Aber sie langweilten sich, und eine österreichische Schrammelkapelle mußte ihnen „Es zittern die morschen Knochen“ vorspielen. Der Krieg legte das Haus von Lutter & Wegner in Asche, der Keller blieb. Nach dem Kriege wurde er ein paar Jahre noch geführt, im Westen der Stadt versuchte man die Tradition des alten Namens zu beleben: In Lankwitz, in Steglitz, auf dem Kurfürstendamm sollte bei Lutter & Wegner Berliner Gemütlichkeit herrschen. Vergeblich. Der Name war bekannt, aber er lockte nicht mehr. Die Gäste blieben aus, im Handelsregister wurde die Firma Lutter & Wegner gelöscht. Der Weinkeller wurde Geschichte.

Und nun soll er wieder zum Leben erweckt werden.