Er war immer ein talentierter politischer Seiltänzer, ein Mann, der mit erstaunlichem Gleichgewichtssinn Ost und West gegeneinander ausbalancierte und Freunde wie Gegner mit seinen kühnen Kapriolen in Atem hielt. Aber nun glauben doch viele politische Beobachter in Kairo, der Staatspräsident der Vereinigten Arabischen Republik, Gamal Abdel Nasser, sei vom Seil abgestürzt und in das sowjetische Netz gefallen.

Diese Sorge hat es auch schon früher gegeben – nach dem ägyptisch-sowjetischen Warenabkommen, nach der sowjetischen Zusage, den Assuan-Damm zu bauen, und nach dem Suez-Krieg. Warum taucht sie jetzt aufs neue auf – und eindringlicher als je zuvor? Die äußeren Anlässe erscheinen nicht einmal dramatischer als früher. Nasser hat einen neuen Rubel-Kredit in Höhe von 1,1 Milliarden Mark bekommen, der stellvertretende sowjetische Ministerpräsident Scheljepin erklärte vor einigen Wochen in Ägypten, zwischen der VAR und der Sowjetunion bestehe in außenpolitischen Fragen völlige Übereinstimmung; die ägyptische Propagandamaschine läuft Sturm gegen die Vereinigten Staaten, und Nasser versorgt die Rebellen im Kongo mit Waffen.

Aber der Hintergrund, vor dem sich diese Ereignisse abspielen, ist heute ganz anders als einst. Während ihrer früheren anti-westlichen Phasen war die Vereinigte Arabische Republik noch kein sozialistisches Land. Das gehobene ägyptische Bürgertum, das in seiner Lebensart und seinen geistigen Interessen dem Westen verbunden ist, übte in Wirtschaft und Handel noch Einfluß aus. Die ägyptischen Kommunisten saßen dagegen in Internierungslagern. Die Preise waren stabil. Es gab keine Lebensmittelknappheit. Die Industrie – viel geringer als heute – arbeitete rentabel, und noch hielt sich das Gerede über die Korruption der neuen Führungsklasse, der Offiziere, in Grenzen. Die Vereinigte Arabische Republik war an Land, das für eine gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Westen trotz mancher Reibereien eine Fülle natürlicher Ansatzpunkte bot.

Heute ist Ägypten bankrott. Der Versuch, eine nationale Industrie nach sozialistischem Muster aufzubauen, ist zunächst einmal gescheitert. Nur die Textilindustrie arbeitet rentabel, Fast 70 Prozent der neuerbauten Betriebe arbeiten mit verminderter Kapazität oder liegen still, weil keine Devisen für Rohstoffe und Ersatzteile vorhanden sind. Die Entwicklung eigener Düsenjäger und Raketen kostet dagegen jährlich rund 200 Millionen Mark in harter Währung. Großzügige Sozialleistungen und überhöhte Löhne für die stark angewachsene Arbeiterklasse hat Geld unter die Leute gebracht – aber die Produktion ist nicht entsprechend gestiegen.

So kletterten die Preise. Der Schwarze Markt blüht. Die Ägypter müssen sich daran gewöhnen, vor den Lebensmittelgeschäften Schlange zu stehen. Während das Wirtschaftschaos wächst, wird deutlich, daß Nassers Versuch gescheitert ist, seinem Regime einen politischen Unterbau zu verschaffen. Es ist schwer, eine Revolution von oben zu befehlen. Sie muß ihre Wurzeln im Volk haben und von unten kommen. Die Staatspartei, die Nasser auf dem Wege des präsidialen Dekrets aus der Taufe hob, floriert nicht. Die Masse spielt nicht mit, die Funktionäre haben keinen Schwung.

Was sich auf dem Rücken eines müden Volkes abgespielt hat, ist nichts anderes als eine Übertragung der Privilegien von den Paschas auf die Offiziere. In Alexandrien hat es im vorigen Jahr einen Arbeiteraufstand gegeben, den die Armee niederschlagen mußte, und auf dem Bahnhof in Kairo stürmte eine Menschenmenge einen Lebensmitteltransport. Das sind untrügliche Anzeichen, dafür, daß die bisher unangefochtene Autorität des Regimes brüchig zu werden beginnt.

Schon gegen Ende des vorigen Jahres stimmten die westlichen Diplomaten in Kairo in der Ansicht überein, daß Nasser mit seinem Staatssozialismus am Ende sei. Die Verhandlungen, die hinter den Kulissen zwischen den Ägyptern und den westlichen Ländern über eine finanzielle Beteiligung am zweiten ägyptischen Fünfjahresplan geführt wurden, zogen sich hin. Die westlichen Verhandlungspartner, besonders die Amerikaner, machten ihre Hilfsbereitschaft von Bedingungen abhängig: Nasser möge seine kostspieligen außenpolitischen Abenteuer – vor allem im Jemen – aufgeben, die Wirtschaft wieder liberalisieren und die Anlage westlichen Privatkapitals ermöglichen und schützen. Nur unter diesen Bedingungen erscheint in der Tat eine westliche Hilfe überhaupt noch sinnvoll.