Bonn, im Januar

Seit einigen Wochen wurde in Bonn hinter geschlossenem Vorhang eine neue Szenerie aufgebaut. Das Stück, das in ihr aufgeführt werden soll, wird in Rambouillet gespielt. Hätte es sich protokollarisch und propagandistisch vertreten lassen, dann hätte man wohl den Bundesaußenminister von der Teilnahme am liebsten ganz ausgeschlossen. Aber da das nicht ging, setzten sich seine parteiinternen Gegner dafür ein, seine Mitwirkung auf das unumgängliche Minimum – den Vormittag des 20. Januar – einzuschränken.

Noch vor kurzem hätte das der Bundeskanzler nicht zugelassen. Erst in letzter Zeit distanzierte er sich von Schröder, den er bis dahin immer gegen die Widersacher in der eigenen Fraktion in Schutz genommen hatte. Es fiel Professor Erhard offensichtlich schwer, dem Drängen der Kritiker des Bundesaußenministers nach einer neuen außenpolitischen Orientierung nachzugeben. Noch vor kurzem auch soll er geschwankt haben, ob er den von de Gaulle vorgeschlagenen Besuchstermin annehmen solle, der wohl mit Absicht, also sozusagen demonstrativ, unmittelbar vor das schon seit längerer Zeit festgesetzte Treffen Erhards mit Wilson gelegt wurde.

Daß Erhard schließlich nachgab, ist hauptsächlich auf die Beurteilung der außenpolitischen Situation der Bundesrepublik durch die maßgebende Gruppe der CDU/CSU zurückzuführen. Sie argumentiert etwa so: Der Versuch, mit der MLF ein fait accompli zu schaffen, um damit einen Druck auf de Gaulle auszuüben, wurde von Präsident Johnson aufgegeben. Die scheinbar guten Ansätze zu einem deutsch-englischen Zusammenspiel, die sich kurz nach dem Regierungsantritt Wilsons abzuzeichnen schienen oder von Minister Schröder so gedeutet wurden, erwiesen sich als Illusion. Was Wilson und seine Ratgeber aus der MLF machen möchten, wird in der CDU/CSU geradezu als Sinnverfälschung des Projekts angesehen und abgelehnt.

Mit zunehmender Skepsis beobachtet die Union die britischen Tendenzen zu einer Annäherung an Moskau. Die Neujahrsbotschaft Präsident Johnsons an den Kongreß verstärkte in diesen Kreisen den Eindruck, daß der Präsident der Innenpolitik so sehr den Vorrang gibt, daß für die außenpolitischen Aspirationen der Bundesrepublik nicht mehr allzu viel Hoffnung bleibt. Schließlich lassen die Anzeichen einer möglichen Annäherung zwischen Paris und Washington im Bonner Regierungslager die Sorge aufkommen, die Bundesrepublik könnte unter Umständen bald isoliert sein.

In dieser Situation hatten die Gegner Schröders in der CDU/CSU leichtes Spiel; sie bliesen zum Angriff. Diese Gruppe wird angeführt von Dr. Adenauer, Strauß, Guttenberg und Barzel. Auch Bundestagspräsident Gerstenmaier hat sich nach seiner Begegnung mit de Gaulle dieser einflußreichen Gruppe genähert. Es scheint, daß auch Minister Westrick dem Bundeskanzler, bei dem er großes Vertrauen genießt, geraten hat, dem Drängen nach einer Festigung des Bündnisses mit Frankreich nachzugeben. Dieser Umstand macht es denn auch verständlich, daß Westrick als Begleiter Erhards nach Rambouillet mitgeht.

Damit ist Schröder nun zum zweitenmal von seinen Gegnern in der Fraktion überspielt worden. Das erstemal hatten sie durchgesetzt, daß die Begegnung de Gaulles mit Erhard unter vier Augen – also unter Ausschaltung des Bundesaußenministers – stattfindet. Nun haben sie erreicht, daß in den Pausen zwischen seinen Unterredungen mit de Gaulle der intime Gesprächspartner und Berater Erhards nicht der Bundesaußenminister, dem die Rolle ressortmäßig zugefallen wäre, sondern Minister Westrick sein wird. Man hört sogar – allerdings vorläufig ohne offizielle Bestätigung –, Westrick solle an der zweiten Phase der Besprechungen von Rambouillet, also nach dem Tête-à-tête, noch vor Schröders Eintreffen, teilnehmen.