Der „Wintersport“ wächst und gedeiht und hat kaum noch etwas mit Winter zu tun und schon gar nichts mit Sport. Aber das macht nichts. In Arosa rechnet man dies Jahr mit sechzig Prozent Nicht-Skiläufern unter den Kurgästen, aber mit hundert Prozent Schaustellern. Es ist immer wieder erstaunlich, was da alles zur Schau steht: Hosen, in denen man nicht laufen, Pullover, in denen man nicht atmen kann, Head-Ski wie aus Gußeisen (eine neue, noch teurere Variante), Pelze, die nicht wärmen, Stiefel wie Hackeklötzchen und Bindungen von der Kompliziertheit elektronischer Rechenmaschinen. Und all das für teures Geld. Aber wozu hat man es, wenn nicht für die Industrie?

Die Industrie funktioniert gnadenlos: Wenn das Elektronengehirn am Bein versagt, weil man den Spezialschlüssel verloren hat, ist gleich der Pistendienst da. Der hat zwar auch keinen Schraubenschlüssel, keinen Schuhriemen, keine Metallspitze, kein Stück Bindfaden bei sich, wohl aber einen Super-Rettungsschlitten, und hast du, was kannst du, bist du wieder da, wo du hingehörst, in der Bar nämlich, im Shop, in der Boutique, in der Lobby oder im Lazarett und wo sonst immer dafür gesorgt ist, daß das Portemonnaie aufgeht.

Aber, aber, wo bleibt da das Positive? Zugegeben, es gibt das Positive auf den Brettln anno 65. Skilaufen ist – nach wie vor und mehr denn je – Bewährung. Mehr denn je, weil der Normalverbraucher 1965 weniger Möglichkeiten zur physischen Bewährung hat denn je. Natur ist ihm meist nur aus dem Fernsehen bekannt, und wenn er ausrutscht, will er wenigstens die Behörde dafür verklagen können. Weshalb in spätestens fünf Jahren Skilauf nur noch auf eingezäunten Pisten nach Abschluß einer Zwangsversicherung erlaubt sein wird, möglichst auf synthetischem Schnee. Denn der natürliche Schnee ist vollkommen unvollkommen.

Bewährungen gibt es zweierlei Art: Solche vor der Natur und solche vor dem Mitmenschen. Der erste Grundsatz fürs neue Jahr lautet:

  • Gegen Lawinen hilft kein Wedeln.

Das sollte eine tröstliche Weisheit sein für manchen Ritter von der traurigen Gestalt. Wedeln ist beim Skilaufen, was Ballett beim Tanzen ist. Weil Ballett nicht jedem gegeben ist, so wird deshalb der Wedel-Fimmel ein Ende nehmen wie der Twist. Zweiter Grundsatz:

  • Exhibitionismus ist wenigen vorbehalten. Die Form der Bewährung vor dem Mitmenschen ist das Rennen. Die Bevölkerungsdichte der Pisten wird ihm ein Ende setzen. Zahlreiche Charaktere werden dann das Skilaufen aufgeben. Das Skilaufen selbst hat, gängiger Meinung zum Trotz, durchaus eine Zukunft. Die Bewährung vor dem Mitmenschen kann erlassen werden, die vor der Natur nicht. Die Meinung, es könne doch anders sein, ist das tägliche Brot der Orthopäden und Unfallchirurgen.