Von Vitus Dröscher

Neben fleischfressenden Pflanzen gibt es eine Gruppe von Gewächsen, die Insekten in raffiniert angelegten Fallen zwar nicht verdauen, aber zum Sklavendienst der Bestäubung gefangenhalten und mit Hilfe verblüffender Vorrichtungen nach zwanzig oder hundert Stunden zu selbstsüchtigen Zwecken wieder freilassen. Über diese wenig bekannte Erscheinung in der Natur berichtete jetzt Professor Stefan Vogel von der Universität Mainz in der „Umschau in Wissenschaft und Technik“.

Unter diesen seltsamen Pflanzen befinden sich einige, die Riesenfallen von 60 Zentimeter Länge aufstellen, andere haben nur winzige Fangkörperchen von kaum 15 Millimeter Größe. Sie stellen ihren lebenden Kerker in der Urwaldluft, auf feuchten Wiesen, als Wasserbewohner unmittelbar an der Oberfläche von Seen und als „Unterweltler“ im insektenbelebten Erdreich auf. Alle bevorzugen als Bestäubungs-Dienstpersonal gerade solche Insekten, die mit dieser Tätigkeit nichts zu tun haben wollen und lieber in Kadavern, Fäulnis und Kot ihr Wesen treiben.

Hier setzt die erste „List“ der Pflanzen ein. Sie produzieren am äußersten Rand ihrer aus Blütenblättern kunstvoll gewickelten Falle einen Spezialgestank, der mit lieblichem Blütenduft nichts gemein hat, sondern je nach der Art der zu fangenden Insekten stark faulig, fäkal, urinös, muffig, moschusartig, wanzenhaft, stechend, mostig oder fruchtig riecht. Dieser infernalische Duft lockt die erwünschten Fliegen, Mücken oder Käfer aus Entfernungen bis zu 100 Meter an.

Dann wird die zweite „List“ wirksam: An den äußeren Randblättern der Trichterfalte imitiert die Pflanze den optischen Eindruck des Aas- und Kotartigen: trübfarbig gesprenkelte und scheinbar feuchtglänzende Muster und warzige Formen. Neben dem Zurschaustellen der Ekel-Motive wird aber auch der Herdentrieb der Insekten angeregt, und zwar durch Vortäuschen bereits auf dem Köder sitzender Artgenossen. Gewisse Aristolochia- und Ceropegia-Blütensäume tragen insektenflügelähnliche Flimmerhaare, die im Luftstrom Balzbewegungen kopieren. Als „paarungswillige Geschlechtspartner“ stimulieren sie den Sexualtrieb der Opfer.

In diesem Irrgarten der Täuschungen gelangen die gelandeten Insekten unweigerlich auf die Gleitzone. Dort rutschen sie aus und stürzen in das Innere der Falle. Das Abgleiten erfordert eine besonders tückische Vorrichtung. Viele Fliegen können sich ja mit Saugnäpfen an den Füßen an senkrechten Glaswänden sehr gut festhalten. Um die Haftwirkung der Füße auszuschalten, haben die Kesselfallenpflanzen zwei Gegenmittel bereit. Sie überziehen die Gleitzone mit einer Wachsschicht, auf der, Eisschollen gleich, Wachsschuppen leicht angeheftet sind. Tritt die Fliege auf diese Schollen, rutscht sie auf ihnen wie auf Schlittschuhen in die Tiefe. Andere Pflanzen erreichen dasselbe, indem sie die Gleitfläche mit „Schmieröltröpfchen“ besprenkeln.

Geschlossen wird die Falle wiederum mit mehreren Methoden. Die südafrikanische Leuchterblume besitzt einen „Schornstein“, der innen ringsum mit Reusenhaaren bewachsen ist. Abwärts können die Insekten kriechen, aber aufwärts stellt sich ihnen ein unüberwindliches Spieß-Hindernis entgegen. Wesentlich raffinierter ist das „Ventilkolbenprinzip“ einer südasiatischen Aracee: Vormittags angelockte Käfer können durch eine Verengung nach unten rutschen. Dann schnürt die Einroll-Bewegung eines Blattes den Flaschenhals zu. In der folgenden Nacht aber wird der Ausgang auf frappante Weise wieder freigegeben: Ein Stiel, der durch den Flaschenhals führt und um den herum ein Pollenkörper als Stempel sitzt, wächst schnell in die Länge und beseitigt die Sperre. Die Gefangenen sind frei.