Jean-Yves Calvez: Karl Marx. Darstellung und Kritik seines Denkens; Walter-Verlag, Freiburg im Breisgau; 600 Seiten, 45,– DM.

Die große und von Jahr zu Jahr anschwellende Karl-Marx-Literatur ist 1956 um das gewichtige Werk des französischen Jesuitenpaters Jean-Yves Calvez „La Pensée de Karl Marx“ bereichert worden. Dieses Buch erlebte in Frankreich mehrere Auflagen und liegt nun auch in einer von Theodor Sapper besorgten deutschen Übersetzung vor. Diesem Werk kommt insofern eine besondere Bedeutung zu, als es die vorläufig letzte, umfassendste und ausgewogenste katholische Stellungnahme zu Marx ist. Es stellt damit die summa einer schon seit fast einem Jahrhundert dauernden, wenn auch bis heute kaum weiteren Kreisen bekanntgewordenen Auseinandersetzung dar. Schon Bischof Wilhelm Emanuel. Freiherr von Ketteier (gestorben 1877) hatte auf seinen Romfahrten Marxens „Kapital“ als Reiselektüre bei sich, ebenso der Zentrumspolitiker Prälat Franz Hitze (gestorben 1921).

Über eine bloß informierende Beschäftigung mit Marx hinaus gelangte jedoch erst der katholische Pfarrvikar Wilhelm Hohoff (gestorben 1923), der erste katholische Marxist. Er hielt Marx „nicht bloß für den größten und bedeutendsten Nationalökonomen der Gegenwart, sondern für den weitaus größten und genialsten aller Zeiten“. Er ging so weit, Marx als „guten Thomisten“ zu bezeichnen – ein Gedanke, den Hohoffs Schüler, der Tübinger Moraltheologe Theodor Steinbüchel (gestorben 1949), weiterverfolgt hat, und dem noch 1952 die Grazer Antrittsvorlesung „Thomas von Aquin und Karl Marx“ von Steinbüchels Schüler, dem Luxemburger Moraltheologen Marcel Reding, gewidmet war. In diesen Zusammenhang gehören auch die katholischen Begegnungen mit dem Austro-Marxismus, für die Ernst Karl Winter, August Zechmeister, August Maria Knoll und der von der kirchlichen Obrigkeit reglementierte Jesuit Johannes Kleinhappl stehen mögen.

Diese katholische Reverenz gegenüber dem Marxismus war nur deshalb möglich, weil man strikt zwischen dem Ökonomen und Soziologen einerseits, dem Atheisten und Materialisten Marx andrerseits unterschied. Diese von theologischen Einzelgängern und „linkskatholischen“ Laien erarbeitete methodische Trennung wurde schließlich 1948 im vatikanischen „Osservatore Romano“ offiziös anerkannt und erhielt in der Enzyklika „Pacem in terris“ 1963 – ohne daß der Marxismus direkt genannt wird – die ausdrückliche Billigung durch Johannes XXIII.: „Von da aus gesehen, ist es durchaus angemessen, bestimmte Bewegungen, die sich mit wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Fragen oder der Politik befassen, zu unterscheiden von falschen philosophischen Lehrmeinungen über das Wesen, den Ursprung und das Ziel der Welt, auch wenn diese Bewegungen aus solchen Lehrmeinungen entstanden und von ihnen angeregt sind.“

Dieses Säculum katholisch-marxistischer Konfrontation darf nicht unberücksichtigt bleiben, wenn man Calvez zusammenfassende Stellungnahme in angemessener Perspektive sehen will: „So kann man, ohne auf gewisse wesentliche Einsichten der grundlegenden dialektischen Philosophie von Marx zu verzichten, die Fundamente einer Weltanschauung legen, die realistischer als seine ist, die zuletzt ihrer eigenen realistischen Basis widersprach.“ Während die von uns genannten Autoren vor allem den Ökonomen und Soziologen Marx schätzten und dessen Atheismus als eher biographisch interessante Marotte von seinem wissenschaftlichen Werk ohne größere Schwierigkeit trennen zu können glaubten, rekonstruiert Calvez mit theologischem Scharfsinn den – bisher wenig beachteten – „Theologen“ Marx.

Marx gehört eben nicht einfach in die lange, erlauchte Geistesgeschichte des Atheismus von Demokrit und Lukrez bis zu den Aufklärern und Anarchisten, bis zu Gottfried Keller, Jens Peter Jacobsen und Sigmund Freud. Ähnlich wie die Jesuiten des Entdeckungszeitalters im tibetanischen Lamaismus mit seinem Mönchswesen, seinem Heiligenkult und seiner Liturgie fasziniert eine diabolische Karikatur der katholischen Kirche erblickten, ist auch für Calvez der Marxismus nicht einfach irgendein irreligiöser Materialismus oder Atheismus, sondern ein System „von toll gewordenen christlichen Wahrheiten“.

Es ist nicht der – als Arbeitshypothese heuristisch durchaus wertvolle – „historische Materialismus“, auch nicht die bereits von den Scholastikern vorweggenommene Mehrwertlehre und nicht der Kommunismus als sozialökonomische Ordnung, die Christentum und Marxismus abgrundtief trennen, sondern eben dieser kryptotheologische Gehalt des Marxismus. Dieser greift das Christentum nicht einfach an, wie er jede andere Religion angreift. Vielmehr setzt er „jedem der grundlegenden Elemente des kirchlichen Lebens ähnliche Elemente der kommunistischen Gesellschaft entgegen, deren effektive Realität offensichtlich die Irrealität des Lebens der Kirche voraussetzen würde. Alle ihre bedeutsamen Dogmen – Dreieinigkeit, Schöpfung, Erbsünde, Fleischwerdung des Gottessohnes und Erlösung des Menschen, Kirche oder mystischer Leib Christi als vollkommene Gesellschaft, die Vollendung der Geschichte auf dem Weg über die Geschichte –, alle diese christlichen Dogmen erscheinen der Kirche im Marxismus auf das Register des atheistischen Humanismus transponiert. Der Gesamtinhalt dieses Humanismus schlägt dem Leben der Kirche geradezu ins Gesicht...