Nein, um die Bundeswehr mache ich mir keine Sorgen mehr. Die ist aus dem Schlimmsten heraus. Und schlimm muß es bei ihr zugegangen sein – bis vorigen Donnerstag. Wie saumselig, wie chaotisch! Da kannte keiner seine Pflichten – oder nur, um sie zu vernachlässigen; da war keine äußere und innere Zusammengehörigkeit, keine Einheit.

Am Donnerstag aber bekam die Bundeswehr – nachdem sie sich schon die Knobelbecher, die Tressen und Litzen zurückerobert hatte – ihre, ersten Truppenfahnen. Das verändert alles. Denn die Truppenfahnen sind vom Bundespräsidenten als „äußeres Zeichen gemeinsamer Pflichterfüllung im Dienst für Volk und Staat“ gestiftet worden.

Nun wird es bei der Bundeswehr endlich klappen mit der Pflichterfüllung und allem anderen auch. Denn die Truppenfahnen sind auch noch „Symbole der inneren und äußeren Zusammengehörigkeit und damit des festen Zusammenhalts der militärischen Einheit“. Wem deutlich ist, wie leicht letztere verlorengeht, dem fährt jetzt noch nachträglich der Schreck in die Glieder.

Bis Donnerstag ging es wohl kunterbunt durcheinander. Keiner wußte, wo er hingehört; Matrosen trieben sich bei der Luftwaffe herum, alle wirbelten wild durcheinander. Wenn der Feind im Osten das geahnt hätte! Überrascht hätte er uns und tot wären wir längst oder gar rot! Jetzt kommt er allerdings zu spät. Wegen der Truppenfahnen. Auch wenn es bei manchen Einheiten noch mit der Pflichterfüllung hapern wird, weil die Fahnen noch nicht eingetroffen sind. Geduld, Geduld! Einmal werden alle Truppen Fahnen haben – dann sind die Atom-Minen nur ein Witz und werden zum alten Eisen geworfen.

Was aber wird mit den anderen, die im Dienst für Volk und Staat stehen? Will man nicht auch ihrer Pflichterfüllung ein wenig auf die Sprünge helfen? Sollte man nicht auch ihre Zusammengehörigkeit, ihren Zusammenhalt und ihre Einheit fördern? Etwa bei den Eisenbahnern. Wo sollen sie’s denn her haben, das Pflichtgefühl – ohne Stationsfahnen? Verspätungen? Kein Wunder! Und die Post! Wer staunt noch über fehlgeleitete Päckchen – ohne ein schönes Schalter-Symbol.

Die Feuerwehr! Wenn von Hassel mit Recht bemerkt, diese Truppenfahnen sollen künftig „im militärischen Alltag als Symbol des Staates und der sittlichen Werte stehen, zu denen sich das deutsche Volk bekennt“ – wie steht es da ohne Löschzug-Fahnen um den Feuerwehr-Alltag? Und wenn von Hassel meint, die neuen Fahnen würden jedem Soldaten bewußt machen, „wofür und wogegen wir stehen“ – ein bißchen spät, oder? – so gilt das nicht minder für die beherzten Mannen von der Feuerwehr. Manches ist bis auf die Grundmauern abgebrannt – endlich ahnen wir, warum!

Jene Berufe, bei denen es um Pflichterfüllung und Zusammenhalt geht (es sind mehr, als man ahnt), sollten eigentlich alle Fahnen bekommen, die sie an die Erfüllung ihrer Pflichten erinnert. Die Bundeswehr hat da ein höchst, erfreuliches Beispiel gegeben. Ihm sollte die Polizei ohne Zögern folgen. Auch die Richter und Staatsanwälte brauchen eine Fahne und die Orchestermusiker, die so gerne ihren Einsatz verpassen. Und die Bäcker! Die Abgeordneten und Minister. Auch die Verleger und Redakteure. Auch die Glossenschreiber.

Wir müssen ein Volk von Fahnenträgern werden.