Hans Luther: Vor dem Abgrund, Reichsbankpräsident in Krisenzeiten 1930–1933, mit einer Einführung von Edgar Salin,; Propyläen-Verlag, Berlin; 316 Seiten, 28,50 DM.

Zwei Jahre nach dem Tode von Hans Luther erscheint, von Dr. W. J. Heibich sorgfältig redigiert, gleichsam als zweiter Band der Lebenserinnerungen des „Politikers ohne Partei“ (so der Titel seines ersten, 1960 erschienenen Memoirenbandes) ein Buch, das sich vornehmlich mit den währungspolitischen Problemen des Young-Planes, der deutschen Zahlungsbilanz, sowie der Weltwirtschaftskrise im Stadium der Kanzlerschaft Brünings und Papens beschäftigt. Andere Äußerungen etwa über persönliche Verbindungen zu Männern wie Graf Keyserling, Oswald Spengler, Stresemann oder Professor Sauerbruch tönen lediglich die Atmosphäre, in der Luther als Nicht-Bankfachmann und währungstheoretisch ungeschulter Politiker seiner von ihm verantwortlich begriffenen, undankbaren Aufgabe gerecht zu werden sich bemühte.

Zeit seines Lebens hat Luther, schon als Reichskanzler, gegen die Schacht-Legende ankämpfen müssen. Noch vor wenigen Jahren führte er in großen deutschen Tageszeitungen polemische Diskussionen über seinen Anteil an der Währungsstabilisierung von 1923, die, nach allen heute verfügbaren Unterlagen sowie vor allem bei objektiver Würdigung seiner unnachgiebigen politischen Haltung vom Herbst 1923, als sein politisches Verdienst angesehen werden muß.

Schacht freilich und nicht Luther hat sich den Älteren unter uns als das Finanzgenie der zwanziger und vor allem der dreißiger Jahre eingeprägt. Neben Helfferich, Hilferding und Schacht gehörte Luther, der vor seiner Kanzlerschaft dem Kreis wagemutiger und selbstbewußter rheinischer Oberbürgermeister angehört hatte, zweifellos zu den bedeutenden Persönlichkeiten, die die große deutsche Reichsfinanz- und Haushaltsreform durchsetzen half. Typisch für Luther war es, daß er die Verbindung zum führenden Kopf der Reformbewegung, zu Johannes Popitz, nicht fand. So arbeitete Luther mehr auf der Basis sehr persönlicher, von wirtschaftswissenschaftlicher Seite keineswegs immer gutgeheißener Erfahrungen und Einsichten. Es nimmt daher nicht wunder, daß der Autor sich in dem vorliegenden Bande sehr häufig zu allen möglichen Vorwürfen äußert, die man ihm als verantwortlichem Leiter der deutschen Währungspolitik während der Weltwirtschaftskrise unmittelbar vor dem Machtantritt Hitlers von verschiedenen Seiten entgegengebracht hat. Luther war in einem heute nicht mehr zu beobachtendem Umfange ein politischer Einzelgänger, der schon deshalb für das, eine nahezu richterliche Unabhängigkeit beanspruchende, Amt des Reichsbankpräsidenten wesentliche menschliche Qualitäten mitbrachte, was von vielen Währungsexperten, den theoretischen wie den praktischen, damals wie heute freilich als nicht ausreichend für dieses hohe Amt angesehen wurde.

Der mutige, immer selbstsichere, zuweilen zornige und eigenwillige Hans Luther übernahm aus der vorangegangenen Ära Schacht die drückende Last einer hohen Auslandsverschuldung, die kurzfristig gewährt aber langfristig im Reich angelegt worden war, womit der Zündstoff für die Ausbreitung der Weltwirtschaftskrise auch in Deutschland gelegt war. Er mußte, nachdem die deutschen Reparationsleistungen endlich auf bestimmte jährliche Tranchen festgelegt worden waren, währungspolitisch die Zahlungsbilanz zu entlasten versuchen und gleichzeitig bestrebt sein, der deutschen Mark wieder Geltung im Auslande zu verschaffen. Diese Aufgabe, die einer Quadratur des Kreises glich, vollends bei dem oft schnellen politischen Szenenwechsel, unter dem sie gelöst werden mußte, hat Luther mit Leidenschaft, Fleiß und mit einer selbst von seinen Freunden oft bis zur Grenze – der Sturheit gehenden Folgerichtigkeit bei der Durchsetzung einmal für ihn als richtig erkannter Absichten zu lösen versucht. Sein Nachfolger wurde sein Vorgänger im Amt: Hjalmar Schacht; der Schatten dieses Mannes lag ständig auf dem politischen Wirken Luthers.

Man sollte dieses Buch lesen als einen Rückblick in eine Zeit, in der zum letzten Male unter Brüning in geradezu asketischer Weise eine kameralistische Haushalts- und Finanzpolitik in Deutschland mit Beamtensoldkürzungen und unnachgiebigem Festhalten an der überlieferten finanzwissenschaftlichen Idee vom ausgeglichenen Budget praktiziert wurde. Zwar hat Luther mit Steuergutscheinen (für Betriebe, die Arbeitslose einstellten) sowie mit einer elastischen Kreditpolitik versucht, die monetären Schäden der großen Krise in Deutschland zu steuern, den eigentlichen Stilwandel in der Haushalts- und Währungspolitik mit zusätzlichen Krediten bis zum Vollbeschäftigungspegel sowie mit einer auf Arbeitsbeschaffung und Massenkaufkraft bedachten, betont nationalen Währungspolitik hat er jedoch kaum eingeleitet. Brünings Deflationspolitik, die nach heutigen währungswissenschaftlichen Vorstellungen die Depression nicht überwinden helfen konnte, war der letzte große Versuch gewesen, die Schäden, die eine große Krise einer industriellen Massengesellschaft zugefügt hatte, in erster Linie mit mikroökonomisch orientierten Maßnahmen zu überwinden.

Als unabhängiger Reichsbankpräsident wollte sich Luther im Frühjahr 1933 nicht weiterhin den Plänen der neuen Machthaber zur Verfügung halten, die bei der verfassungsmäßig verankerten weitgehenden staatlichen Unabhängigkeit der Reichsbank an ihrer Spitze nunmehr einen Mann sehen wollte, der tatkräftig und einfallsreich auch als Vorwegnahme späterer, systematischer währungswissenschaftlicher Erkenntnisse des englischen Keynesianismus eine Währungspolitik der Kreditschöpfung zur Beseitigung von Massenarbeitslosigkeit betreiben wollte.

Neben allem zeitgenössischen Kolorit bietet Luthers streitbares Buch einen tiefen Einblick in die zerrissenen währungspolitischen Auseinandersetzungen jener Jahre, in denen nicht nur in einem tagespolitischen Sinne langsam der Weg der traditionellen Währungs- und Finanzpolitik aufgegeben wurde zugunsten einer auf die gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen zugeschnittenen funktionalen, makroökonomischen und betont beschäftigungspolitisch orientierten deutschen Währungspolitik. Luthers Mißerfolge als Reichsbankpräsident können gewiß nicht ihm allein angelastet werden. Zeitgeist, zerstrittene akademische Lehrmeinungen zur Währungspolitik, politische Kurzsichtigkeit und die Furcht vor dem bestehenden politischen und sozialen Umbruch haben ihn wie andere gehemmt. Zu den gewiß bittersten Erfahrungen Hans Luthers mag es gehört haben, daß er nach dem Zweiten Weltkrieg als Verantwortlicher des Ausschusses zur Neugliederung des westdeutschen Bundesgebietes ein Erbe ordnen sollte, das diejenigen Machthaber hinterließen, die 1933 den Rücktritt Luthers als Reichsbankpräsidenten gewünscht hatten.