Rum, Zucker, Armut – Steelbands in der Nacht –

Sechzehnjährige Mütter

Von Eka von Merveldt

Barbados – ein neuer Tanz? Antigua – ein exotisches Getränk? O nein, eine englische Stimme sagte mir am Telephon: Fliegen Sie nach Barbados und Antigua. Diese Inseln sind mit dem Jet in weniger als zwölf Stunden leichter zu erreichen als Spanien mit dem Auto.“

Auf dem Londoner Flugplatz hatte mich am frühen Vormittag noch Eisluft umweht; auf den Bermudas stiegen die Londoner Golf-Adepten mit ihrem sperrigen Gepäck aus, um dort angenehm den Winter zu verbringen, der lauer ist als an der Riviera. Das Spiel, den Winter zu überlisten, ist im Schwung. Abends bin ich 9000 Kilometer von Europa entfernt; die Strecke schafft die BOAC-Düsenmaschine in zwölf Flugstunden. Die Gäste im Hotel, vorwiegend Amerikaner und Kanadier, die hier „zu Hause“ sind wie die Europäer am Mittelmeer, vergnügen sich bei Kalypso und Limbo, einem artistischen Negertanz. Geschmeidige Gestalten in knallbunter Verkleidung, so winden sie sich unter einer Art Hochsprungstange hindurch, die nur 30 Zentimeter über dem Boden schwebt. Die Gäste aus dem kalten Norden geraten in Ekstase. Sie versuchen es nachzumachen. They enjoy themselves, was immer das sein mag. Sie machen es den Farbigen leicht, sich überlegen zu fühlen.

Ebenso laut wie der Kalypso lärmen die Frösche, tree-toads, Frösche auf den Bäumen! Auch crickets genannt. Daumennagelklein, aber laut. Der langgezogene helle Ton, der die Nächte auf Barbados und Antigua durchhallt und in die luftigen Hotelräume dringt, prägt sich als Naturlaut dieser tropischen Gefilde ein wie der Zikadenschrei im Mittelmeerraum.

Wo bin ich eigentlich? Die Inselgruppe, die Barbados und Antigua einschließt, hat einen schönen Namen: „Inseln unter dem Winde“. Die kleinen Antillen – ein schmaler Saum, der die Karibische See vom Atlantik trennt. Die Inseln tragen Namen von Heiligen oder Titel von Rum-Etiketts: St. Christopher, Santa Lucia, Martinique, Grenada, Montserrat, Guadeloupe, Mariagalante. Ihre Geschichte ist eine Legende der Entdecker, Eroberer, der Sklavenhändler, der Piraten, der Flibustiers, der Kolonisatoren, der Geschäftemacher und Abenteurer. In den Wipfeln der Palmen und den Brisen der Karibischen See geistern noch immer die Erinnerungen. Heute beginnen die ehemaligen Sklaven gemeinsam mit ausländischen Spekulanten Geschichte zu machen. Nicht die sympathischsten, aber tüchtige Europäer darunter. Manche kommen ohne Geld und bleiben. Und wenn sie eine Weile da sind, haben sie’s.