Hierzulande aber findet man in der bequemlichkeit seines nebenmenschen etwas beleidigendes", schrieb Adolf Loos in Wien vor fast siebzig Jahren. "Gibt es doch noch menschen, deren nerven es beunruhigt, wenn man die füße im eisenbahnkupee auf die gegenüberliegenden sitze streckt oder sich gar hinlegt." Soweit es dies betrifft, könnte der Architekt und Kritiker heute zufrieden sein. In der Sprache der Branche teilten Hersteller von Möbeln nach der Kölner Möbelmesse 1964 mit: "Der allgemeine Trend zu Polstermöbeln mit höherem Sitzkomfort ist deutlich. Auch der Handel disponiert heute hochwertige Polstermöbelgarnituren wesentlich freudiger als vor zwei Jahren oder bei den früheren Messen." Und weiter: "Von der modernen ,geraden‘ Linie geht es wieder in etwas aufgelockerte und beschwingtere Formen. Die Spitzenfirmen der – Branche gehen dabei zum Teil ins Experimentieren." Händler widersprachen dem nicht, als sie zum selben Anlaß sagten, die Entwerfer lehnten sich "auf der Suche nach Neuem wieder... an längst überwundene Formen" an.

Dazu gehört ein bißchen der Großvaterstuhl, in der Typologie der Branche als Ohrenbackensessel geführt. Er feiert, fast unbemerkt, seine Renaissance. Kaum gibt es ein Möbelgeschäft, in dessen Schaufenstern er nicht erschiene. Eines der größten Institute dieser Art präsentierte ihn da gleich zwölfmal, passend zu verschiedenen Arrangements. Man sieht ihn mit schwarzem, rotem, sandfarbenem Leder, man sieht ihn bezogen mit Wolle, Samt, Leinen, glatt, gesteppt, mit Volants behängt, dekoriert mit vielerlei Mustern, mit Blumen, schottischen Karos, Pünktchen. Seine Form hält sich an seine traditionelle Erscheinung: aufrecht, die Lehne nur leicht geneigt, mit runden Wangen für die Ohren. Eine Form, die mit Würde gealtert ist, die niemals von Modernisten verhunzt und selbst von so komfortablen Sitzstätten nicht beseitigt werden konnte, die ein Verkäufer spöttisch als "Wohlstandsessel für phantasielose Direktoren" bezeichnete. Gemeint ist damit der Lounge Chair des phantasiereichen Amerikaners Charles Eames, vor ein paar Jahren entworfen für die Herman-Miller-Collection.

Die klassische Form des Ohrenbackensessels hat sich wacker gehalten; sie hat im Grunde allen modischen Anfechtungen widerstanden, seit sie als Variante eines Louis-Quinze-Fauteuils erschien und unter dem Namen "Bergère er, confessional" Beliebtheit bei den bürgerlichen Patriarchen gewann. Die Rückenlehne war an den Seiten geknickt und etwas vorgezogen: Backen fürs Haupt. Seither ist es nur einem Manne gelungen, dem Ohrenbackensessel eine gänzlich neue Gestalt zu geben. Das war der Däne Arne jacobsen. Er hatte das eckige Urmodell so rund gemacht, daß der Spitzname sich von selber anbot: das Ei. Man hätte auch sagen können: die ununterbrochene Linie. Die gewaltig wirkende Größe des drehbaren, federnden, meist mit Leder bezogenen Möbels hatte freilich auch seinen sozialen Stand verändert: Das war nun beileibe kein Stuhl für Großväter mehr, denen nach Gemütlichkeit zumute ist, sondern ein Stuhl für alerte Bosse, die sich dekorativ auszuruhen imstande sind und Spaß daran haben, die Ruhe nicht in einer Ecke, sondern mitten im Raum zu suchen. Jacobsens "Ei" ist nicht mehr intim, es ist öffentlich-repräsentativ.

Des Eies Trumpf ist seine Form, die ästhetische Wirkung – und das paßt nicht so recht für den Charakter des Ohrenbackensessels. Bei ihm stehen rationale Überlegungen hintan wie der Stil, der Preis, die Qualität, der repräsentative "Besitzwert", wie Material, Verarbeitung, Aussehen. Hier kommt’s viel mehr auf psychophysische Eigenschaften an. Am besten machte das jener Verkäufer deutlich, der seine Kunden – ein Ehepaar und den Vater der Frau – von Ohrenbacke zu Ohrenbacke führte und Sich mit Andeutungen affektiver Werte überschlug. Am häufigsten fielen die Worte wie bequem, weich, warm, gemütlich, entspannend, behaglich, gesund, ruhig, Herz, Seele, Geborgenheit, Zufriedenheit: ein Thron des Alters. Von Modernität, Stil, Eleganz war da keine Rede mehr, nicht einmal von Chic. Der alte Herr, den die seinen und der Verkäufer in einem ledernen englischen Prachtpfuhl zurückgelassen hatten, um seine Kräfte beim Rundgang nicht über die Maßen zu strapazieren, war bald sanft eingenickt. Es war für den Verkäufer das beste Verkaufsargument.

Viele Händler indessen versichern, daß durchaus auch jüngere Leute Interesse für den Lehnstuhl bekundeten. Die Gründe: man kann sich darauf lümmeln, darin verkriechen, in vielen Lagen quer und gerade sitzen. Ganz sicher lügt sich so mancher mit dieser Portion "traditionallook" ein bißchen Wohnlichkeit in seine sonst modern möblierte Wohnung. Anderen wiederum ist so ein nicht gerade billiges Einzelstück – zwischen 550 und 2080 Mark – der Ausweis ihrer Tüchtigkeit. Sie haben die zeitgemäße Pflicht erfüllt, es zu etwas zu bringen. Ihr Besitz ist moralische Leistung: Sie haben mehr als bloß das eben Nötige. Und schließlich ist man auch ein bißchen unkonformistisch: Ein Ohrensessel ist immer ein Einzelmöbel, es tritt ohne Bindung an andere Möbel, nicht "in Garnituren" auf, und das überträgt sich auf seinen Besitzer: individuell sein trotz Fließbandmöbel.

Im übrigen scheint dieser Sessel auch ein Sinnbild des restaurativen Bemühens zu sein, das die letzten zwanzig Jahre hervorgebracht haben: Ein Großvaterstuhl erinnert ja ein ganz klein bißchen an "die gute alte Zeit", die es gegeben haben soll. Er unterscheidet sich von dem modernen Entspannungsgestühl Charles Eames‘ und seinen tüchtigen Nachahmern vor allem dadurch, daß er zum Geradesitzen anregt: Man sitzt bequem – mit Haltung. Aber man muß nicht; man kann auch quer darin sitzen, was erfahrungsgemäß außerordentlich wohltuend sein kann. Braucht nur noch erwähnt zu werden, daß der Ohrenbackensessel fast immer von Männern erworben wird, für – pensionierte – Patriarchen. Er ist das dekorative Symbol für Muße und für äußerste Bequemlichkeit.

Das ist es wohl, was sein Comeback erklärt und was zu gleicher Zeit die weichesten Möbel aller Zeiten in die Schaufenster bringt. Weicher geht’s in der Tat kaum noch. Auf den teureren Sitzgelegenheiten ist zweierlei Trumpf, es sind zwei tierische Produkte: Leder und Daunen. Sessel, Sofas und Couches der höheren Preisklasse sind auf den ersten Blick daran zu erkennen, daß die Polstersitze mit losen Daunenkissen aus Leder ausgerüstet sind. Sie sind nicht rechteckig, ihre Formen sind nicht fest, sie sind von einer gewissen lässigen Eleganz. All dies entspricht dem "Trend zur weicheren Linie, verbunden mit größerem Sitzkomfort" und der "Auflockerung" des Zimmers mit seinen strengen Kastenmöbeln. "Lediglich mit rechten Winkeln, geraden Linien, Ecken und Kanten läßt sich ... das Publikum nicht gewinnen", schrieb die Monatszeitschrift "Möbelkultur". In unzähligen Menschen lebe "wohl weniger die Sehnsucht nach reiner Form als das Bedürfnis nach Wärme, Behaglichkeit, Ruhe, nach einer schmiegsamen, liebenswürdigen Umwelt..."