Washington, im Januar

Auf der Potsdamer Konferenz verkündeten die drei teilnehmenden Siegermächte vor nun bald zwanzig Jahren als eine ihrer Direktiven für die Behandlung des geschlagenen Gegners: „Während der Besatzungszeit ist Deutschland als eine wirtschaftliche Einheit zu betrachten.“ Knapp drei Jahre später, nach den fruchtlosen Konferenzen von Moskau und London, der Errichtung zentraler Verwaltungsbehörden in der Sowjetzone, dem Zusammenschluß der drei westlichen Besatzungsgebiete und der Vorbereitung getrennter Währungsreformen, war die Spaltung Deutschlands wirtschaftlich, politisch und militärisch vollendet.

Noch verkündeten alle vier Siegermächte, ihr Ziel sei die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands, aber längst war klar, daß Ost und West dafür keine gemeinsame Voraussetzung anstrebten. Was danach geschah, war lediglich die Perfektionierung des Zustandes der Spaltung, bis die Sowjetunion dann 1955 auch offiziell die Vereinigungsthese aufgab. Von da an arbeitete sie darauf hin, die Existenz zweier deutscher Staaten faktisch und völkerrechtlich durchzusetzen. An diesem proklamierten Ziel müssen alle Versuche scheitern, Deutschland als einheitliches Staatsgebilde wiederherzustellen, so lange nicht

a) die Sowjetunion es für zweckmäßig betrachtet, ihre Haltung zu ändern und die Wiedervereinigung als ihren Interessen dienlich anzusehen, auch wenn Gesamtdeutschland nicht kommunistisch ist;

b) weltpolitische Umstände eintreten, die es der Sowjetunion geraten erscheinen lassen, der Wiedervereinigung aus anderen primären Interessen zuzustimmen, obgleich ihre sekundären Interessen dagegen sprechen.

Dieser Fall b) kann, mindestens theoretisch, unter einer sehr variantenreichen Fülle von Gegebenheiten morgen früh oder in fünfzig Jahren eintreten. Diese Gegebenheiten reichen von der unwahrscheinlichen Bereitschaft der Bundesrepublik, unermeßliche Opfer und Vorleistungen für die Vereinigung zu bringen, bis zu dem noch unwahrscheinlicheren Entschluß der Westmächte, in einem Augenblick sowjetischer Schwäche oder Bedrängtheit unter Androhung militärischer Machtmittel die Herausgabe der Sowjetzone zu erzwingen. Zwischen diesen beiden Extremen, die für eine rationale Politik kaum einkalkulierbar sind, die aber theoretisch die Angelpunkte darstellen, pendelt das hin und her, was als „Politik der Wiedervereinigung“ bezeichnet wird.

Sie mag, wie gegenwärtig in Deutschland, mit emotionalen Illusionen oder mit sachlichen Überlegungen aufrechterhalten, sie mag mit unerschütterlicher Geduld oder mit hektischer Unruhe betrieben werden – sicher ist, daß wir Deutsche uns ihr nicht entziehen können. Denn auch, wenn zwei deutsche Staaten langfristig konsolidiert werden sollten, würde diese Konsolidierung doch nur solange andauern, wie fremde Truppen auf deutschem Boden stehen. Daran ist für absehbare Zukunft kein Zweifel möglich. Die Verbündeten der beiden Teile Deutschlands sind sich auch nur allzusehr darüber im klaren, was ihr Abzug ohne vorangehende Öffnung eines Weges zur Wiedervereinigung für Folgen haben würde.