Paris, im Januar

Das Schloß von Rambouillet hatte unter dem Schmuck, der ihm für den deutschen Gast angelegt wurde, und unter der hellen Januarsonne nichts mehr von der düsteren Bedrohlichkeit, die ihm im allgemeinen sein breiter Turm verleiht. In diesem Turm mit seinen drei Meter dicken Mauern, wo schon Eisenhower, Kennedy, Chruschtschow, Adenauer und – zwiespältige Erinnerung – Macmillan gewohnt hatten, weilte diesmal der Bundeskanzler.

De Gaulle hatte als Gastgeber alle Aufmerksamkeiten aufgeboten, um Ludwig Erhard die „ruhige Besinnlichkeit der Atmosphäre“ zu bieten, die der Kanzler als Unterpfand einer guten Verhandlung vor der Abfahrt aus Bonn gewünscht hatte. Auf beiden Seiten wollte man die frostigen Monate des letzten Jahres vergessen. Selbst die Schneeglöckchen im Park hatten sich beeilt. Unterrichtete Kreise sprachen bedeutungsvoll vom „Vorfrühling“.

Im Frühlingshauch, der von Rambouillet herüberwehte, verliefen die Gespräche zwischen den Außenministern Couve de Murville und Schröder, die im Dezember in eisiger Atmosphäre auseinandergegangen waren, in einer Weise, die es zuließ, daß unter die Bilanz ihres Nachmittags zweimal das Wort „positiv“ gesetzt wurde: unter ihre Gespräche über die Ostpolitik und über eine Europa-Initiative. Das Gespräch über die deutsche Frage erhielt etwas vorsichtiger die Kennzeichnung „erfreuliche Parallelen“. Im Schloß von Rambouillet fand neben dem Gipfelgespräch eine Parallelunterhaltung statt: zwischen Staatsminister Westrich und de Gaulles Generalsekretär Burin des Roziers.

Das Ergebnis von Rambouillet erhielt schon vor Ende der Verhandlungen das Etikett: „Neuer Elan.“ Die deutsch-französische Zusammenarbeit soll zu einer Konferenz der EWG-Außenminister über die politische Zusammenarbeit hinführen. Und politische Zusammenarbeit bedeutet auch Zusammenarbeit in Verteidigungsfragen. Erhard hat es de Gaulle zugesagt, der darauf gewartet hatte.

Ein anderes Feld gemeinsamer Überlegungen ist die Ostpolitik geworden. Die Bemühungen des Generals um eine Auflockerung des Ostblocks haben in Bonn starkes Interesse gefunden. Das Konzept rechnet mit einer Isolierung Ostberlins und auch damit, daß Moskau eines Tages seine europäischen Wurzeln wiederentdecken wird. De Gaulle erscheint dies als der einzig erfolgversprechende Weg zur Lösung der deutschen Frage, also: Wiedervereinigung durch Annäherung Europas.

Eine AFP-Meldung hatte schon vor der Begegnung verkündet, daß de Gaulle seinen Gast nicht vor die Alternative „Washington oder Paris“ stellen werde. Sowohl seine Ostpolitik wie seine Verteidigungskonzeption gehen davon aus, daß man die Amerikaner zunächst einmal aus dem Spiel lassen müsse. Wie lange freilich und bis wohin? Diese Frage dürfte der General auch Ludwig Erhard nicht mit letzter Klarheit beantwortet haben. Ernst Weisenfeld