Von Konrad Paschen

Wie weit geht die Gleichberechtigung der Frauen? Niemand zweifelt daran, daß ihre Gleichstellung vor Gesetz und Recht, im Beruf und in der Ehe zeitgemäß, richtig und erstrebenswert ist. Aber bedeutet sie auch gleiche Pflichten für die Frau wie für den Mann? Haben die kämpferischen Suffragetten alle Konsequenzen übersehen bei ihrem Kampf um die Gleichberechtigung? Die letzte Konsequenz ist die Wehrpflicht, wie sie der Staat Israel aus seiner Notlage heraus für alle jungen Frauen einführte. Wiederum wird niemand daran zweifeln, daß nur die extreme Gefährdung des jungen Staates diese Maßnahme herbeigeführt hat. Kein Mann wünscht, gegen eine Frau zu kämpfen.

Ähnlich ist es im Sport. Die Frauen haben sich in den letzten Jahrzehnten manche Sportart erobert, zuerst das Turnen, später die Gymnastik, zuletzt die Kampfspiele, das Schwimmen und die Leichtathletik. Aber in keiner Sportart kämpfen Männer gegen Frauen, streng genommen auch im gemischten Doppel beim Tennis nicht. Und manche Sportarten sind rein männliche Domänen geblieben, so der Fußball, die Schwerathletik, Ringen und Boxen. Der englische Fußballverband hat zum Beispiel ausdrücklich alle Frauenwettkämpfe im Fußball untersagt. Aber auch innerhalb der Leichtathletik bleiben einige Sparten den Männern allein vorbehalten: Hammerwurf, Stabhochsprung und die langen Strecken. Das alles ist kein Zufall.

„Ich sehe Frauen nicht gern im Rennwagen und in Felswänden sechsten Grades“, schreibt Martin Maier einmal. Es sind vorwiegend Männer, die im Frauensport entscheiden. So ist das Frauenturnen in Deutschland bis vor kurzem ausschließlich von Männern geleitet und entwickelt worden. Es gibt so gut wie keine Trainerin der Leichtathletinnen und Schwimmerinnen. Auch die Sportmedizin, die ein gewichtiges Wort im Frauensport spricht, hat fast ausschließlich männliche Vertreter. Die Argumente gegen einen extremen Leistungssport der Frau, aber auch gegen den Langstreckenlauf und andere Ausdauer- und Kraftsporte, scheinen biologisch fundiert: Die Frau sei schon nach ihrem Körperbau für den Sport weniger geeignet als der Mann, sie sei kleiner, leichter und schwächer; ihre Muskulatur sei weniger trainierbar, und kräftig entwickelte Muskeln seien ihrer Schönheit abträglich; ihre Lebensaufgabe als Mutter und Gattin werde durch Wettkampfsport gestört.

Hinter allen solchen Argumenten steht offensichtlich eine bestimmte Vorstellung von Wesen und Aufgabe der Frau, ein „Image“, das in erster Linie von den Männern bestimmt wird, aber auch von der Gesellschaft insgesamt. In der Olympischen Akademie, die alljährlich im antiken Olympia stattfindet, haben sich in diesem Sommer drei Frauen mit diesem „Image“ beschäftigt. Frau Liselott Diem, Dozentin an der Sporthochschule Köln, hat zahlreiche Sportlerinnen nach ihren Erlebnissen und ihrer Einstellung zum Wettkampfsport befragt und bringt damit die Meinung der Frauen selber ins Spiel. Sie fordern den freien Entschluß der Frauen und das Recht, ein selbständiges Bekenntnis zum Sport, zu „ihrem“ Sport abzugeben. Sie wehren sich also gegen das von den Männern geprägte „Image“ der Frau und wollen selber bestimmen, was eine Frau sein soll und was sie tun darf.

Frau Földes, Dozentin an der Hochschule für Körperkultur in Budapest, versucht nachzuweisen, daß der Frauensport älter ist als der Männersport. Es gilt als ziemlich sicher, daß die „Heraien“, Wettkampfspiele der Frauen in Olympia, älter sind als die rein männlichen Olympischen Spiele. Sie bestanden aber immer nur aus dem Stadionlauf. In der Neuzeit verdankt der Frauensport nach Ansicht der Frau Földes seine rapide Aufwärtsentwicklung vor allem Marx, Engels und Lenin, also dem durch den Sozialismus veränderten „Image“ der Frau.

Frau Metheny, Professorin an der Universität von Los Angeles, befaßt sich speziell mit dem „Image“ der Frau in den USA. Warum gibt es fast nur schwarze Läuferinnen in den USA, warum kaum eine weiße Hürdenläuferin, Diskus- oder Speerwerferin? Weil das gesellschaftliche „Image“ der weißen Frau in den USA solche Tätigkeiten nicht zuläßt. Sie würde dabei ihre Heiratschancen verlieren und ihr Sozialprestige. Das gilt aber nicht für die unteren Schichten und besonders nicht für die farbigen Frauen, die durch sportliche Leistungen gerade ihre gesellschaftliche Stellung wesentlich verbessern können.