Von Karl Adam

Nächst Technik und exakter Wissenschaft ist der Leistungssport Lieblingsprügelknabe geisteswissenschaftlich-ästhetisch orientierter Kulturkritiker in der Bundesrepublik. Wenn Konrad Lorenz, der berühmte Verhaltensforscher, in seinem neuen Buch: „Das sogenannte Böse“ (Borotha-Schöler-Verlag, Wien) – knapp einen Monat nach Erscheinen war die erste Auflage /ergriffen – eine Lanze für den Wettkampfsport bricht, möchte man ausrufen „Literatenopfer aller Klassen, vereinigt euch!“ Konrad Lorenz schreibt:

„Eine im menschlichen Kulturleben entwickelte ritualisierte Sonderform des Kampfes ist der Sport. Wie phylogenetisch entstandene Kommentkämpfe verhindert er sozietätsschädigende Wirkungen der Aggression und erhält gleichzeitig ihre arterhaltenden Leistungen unverändert aufrecht. Außerdem aber vollbringt diese kulturell ritualisierte Form des Kämpfens auch die unvergleichlich wichtige Aufgabe, den Menschen zur bewußten und verantwortlichen Beherrschung seiner hstinktmäßigen Kampfreaktion zu erziehen. Die ‚Fairneß‘ oder Ritterlichkeit des Sports, die auch unter stark aggressionsauslösenden Reizwirkungen aufrechterhalten wird, ist eine wichtige kulturelle Errungenschaft der Menschheit. Außerdem wirkt der Sport segensreich, indem er wahrhaft begeisternden Wettstreit zwischen überindividuellen Gemeinschaften ermöglicht. Er öffnet nicht nur ein ausgezeichnetes Ventil für gestaute Aggression in der Form ihrer gröberen, mehr individuellen und egoistischen Verhaltensweisen, sondern gestattet ein volles Ausleben auch ihrer höher differenzierten kollektiven Sonderform. Kampf um die Rangordnung innerhalb der Gruppe, gemeinsamer harter Einsatz für ein begeisterndes Ziel, mutiges Bestehen großer Gefahren und gegenseitige Hilfe unter Mißachtung des eigenen Lebens usw. sind Verhaltensweisen, die in der Vorgeschichte der Menschheit hohen Selektionswert besaßen. Unter der schon geschilderten Wirkung intraspezifischer Selektion wurde sie weiter hochgezüchtet, und bis in die jüngste Zeit waren sie sämtlich in gefährlicher Weise geeignet, vielen mannhaften und naiven Menschen den Krieg als etwas keineswegs ganz Verabscheuungswürdiges erscheinen zu lassen. Deshalb ist es ein großes Glück, daß sie sämtlich in den härteren Formen des Sports, wie Bergsteigen, Tauchen oder Expeditionen und dergleichen ihre volle Befriedigung finden. Die Suche nach weiteren, möglichst internationalen und möglichst gefährlichen Wettbewerben ist nach Ansicht Erich von Holsts das wichtigste Motiv für die Raumflüge, die eben deshalb so sehr im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen. Mögen sie das auch weiterhin tun!

Wettkämpfe zwischen Nationen stiften indes nicht nur dadurch Segen,“ daß sie ein Abreagieren lationaler Begeisterung ermöglichen, sie rufen noch zwei weitere Wirkungen hervor, die der Kriegsgefahr entgegenwirken: Sie schaffen erstens persönliche Bekanntschaft zwischen Menschen verschiedener Nationen und Parteien, und zweitens rufen sie die einigende Wirkung der Begeisterung dadurch hervor, daß sie Menschen, die sonst wenig gemeinsam hätten, für dieselben Ideale begeistern. Dies sind zwei machtvolle der Aggression entgegenwirkende Kräfte ...

Zu der im Zitat zuletzt erwähnten Wirkung des Sports eine Anekdote: Als Kliefoth! Kruse 1959 in einem schweren Rennen gegen die Russen Boreiko/Golowanow, die späteren Olympiasieger, die Europameisterschaft im Zweier ohne Stm. gewonnen hatten, sagte der damals achtzehnjährige Kliefoth einige Tage später mit allen Zeichen starker Emotion in einem Gespräch: „Scheußlicher Gedanke, daß man durch blödsinnige politische Entwicklung eines Tages gezwungen sein könnte, auf so nette Kerle zu schießen.“

Der Vorschlag, menschlicher Gruppenaggressivität im Sport ein Ventil zu öffnen, ist nicht neu, er findet sich z. B. bei Bertrand Russell, aber die Art, wie Lorenz ihn begründet, ist für jeden, der nicht allem naturwissenschaftlichen Denken und Anschauen von vornherein ablehnend gegenübersteht, sehr eindrucksvoll. Der Gedankengang läßt sich stark vereinfacht folgendermaßen skizzieren.

Aggressivität zielt bei Tieren vorzüglich auf Artgenossen. Sie bewirkt zweckmäßige Verteilung der Art auf das Ernährungsgebiet und dient der Auslese. Paradoxerweise ist Aggressivität Voraussetzung für Bildung von Zusammenarbeit mehrerer Individuen, eine Einsicht, die im menschlichen Bereich von der Gruppendynamik bestätigt wird. Gruppenzusammenhalt ist identisch mit Aggressivität gegen „die anderen“. Lebewesen, die keinerlei Aggressivität zeigen, wie Heringe, bilden auch keine Aktionsgruppen. Bei Tieren entwickelt sich ein Gleichgewicht zwischen innerartlicher Aggressivität und Bewaffnung. Löwen und Wölfe haben Aggressionshemmungen zur Vollkommenheit ausgebildet, die bei Tauben oder Kaninchen fehlen. Dieses Gleichgewicht wird beim Menschen schon durch die Erfindung des Faustkeils empfindlich gestört, durch die Wasserstoffbombe völlig aufgehoben. Wenn es nicht gelingt, die menschliche Gruppenaggressivität vernünftig zu manipulieren, kann die Selbstvernichtung der Art die Folge sein. Bei manchen Tieren, etwa Hirschen, wird der Aggressionstrieb im Kommentkampf ritualisiert, damit die Tötung verhindert, die Auslesewirkung erhalten. Eine analoge Rolle kann in der menschlichen Gesellschaft der Sport spielen.

Sicher wird man Konrad Lorenz Grenzüberschreitungen vorwerfen, wenn er soziologische Probleme mit biologischen Modellen behandelt. Gegen solche Einbrüche in den eigenen Freßraum sind Gelehrte mindestens so empfindlich wie Korallenfische. Auch könnte hier vielleicht wie seinerzeit durch Darwins Entstehung der Arten dem Theologen bei seiner Gottähnlichkeit bange werden. Aber methodisch ist das Verfahren sicher in Ordnung. Lorenz findet bei Tiergesellschaften durch Beobachtung und geniale Einfühlung einfache Strukturen, die bei Anwendung auf menschliche Verhältnisse größte Übersichtlichkeit erzeugen. Es wäre töricht, auf diese Möglichkeiten zu verzichten, nur weil oft gerade diejenigen, die am meisten dazu herausfordern, so große Abneigung dagegen haben, statt mit Göttern mit Tieren verglichen zu werden. Am Rande sei vermerkt, daß Lorenz all dies mit einer Fülle von Beobachtungen untermauert und so ein faszinierendes Bild seiner Lebensarbeit entwirft. Er schreibt mit solch naiver Freude und Begeisterung, daß ich mir beim Lesen vorkam, als hätte ich jahrelang von Konserven gelebt und bisse nun in einen Apfel, frisch vom Baum, noch kühl vom Tau und sähe die Saftbläschen auf der Beißfläche zerspringen.