Von Joachim Kaiser

Daß Eugen Roth nacheinander bei zehn Verlagen vorstellig wurde und ihm dennoch kein einziger die „Ein Mensch“-Verse abnehmen mochte, darf nicht verwundern: Wenn ein Buch den Millionen-Erfolg in sich hat, dann muß es auf originelle Weise in reiner Übereinstimmung sein mit den Gefühlen vieler. Die Übereinstimmung kann jedoch nur zu leicht banal wirken, die originelle Form hinderlich. Darum findet es so schwer einen Verleger. Bei „Im Westen nichts Neues“ war es auch so.

Zudem wäre ein glatter, flüssiger, unangefochtener Erfolg im Falle Roth eine Art höherer Ungerechtigkeit gewesen, hätte den produktiven Grantier allen Grantelstoffs beraubt. Weit mehr der Erklärung bedürftig scheint der absurde Sachverhalt, daß Eugen Roths Schriftstellerwort bislang nahezu ohne literaturkritisches Echo blieb. Selbst wenn man die Rolle, die Unachtsamkeit, Zufall und Snobismus in unserem literarischen Leben spielen, hoch veranschlagt, scheint doch beinahe unbegreiflich, inwiefern ohne öffentlichkeit geblieben sein soll, was selbst in so hohem Maße Öffentlichkeit war und ist.

Halten wir zunächst einmal fest, was man leicht vergißt, weil es so selbstverständlich war: die vollkommene Identifikation verratende Begeisterung, mit der Roths Verse konsumiert wurcen, als sie erschienen. Diese Mensch-Verse füllten unwiderstehlich nahezu alle denkbaren herben Alltagserfahrungen mit ihren Bildern aus; wer sich über einen unglückseligen Begräbnistermin, einen erfolglosen Besorgungsvormittag, eine scheußliche Kaffee-Nacht, einen Bekannten, den man im Moment nirgendwo unterbringen kann, eine getäuschte Schriftstellerhoffnung, eine verstümmelte Geburtstagstorte oder auch nur einen mißlungenen Ferienaufenthalt zu beklagen hatte, dem versifizierte Roth vor, zu sagen, was er leide. Das „Und während sie die Stadt durchwandern, / Sucht einer heimlich von dem andern / Mit ungeheurer Hinterlist / Herauszubringen, wer er ist“ oder „Doch ist vergessen alles Weh / Am andern Morgen – beim Kaffee“ steht archetypisch ein für den bürgerlichen Erfahrungsschatz.

Ich erinnere mich noch gut, wie meine Großtante, eine tapfere Pfarrfrau, von Roths gültiger Allgegenwärtigkeit vollkommen überzeugt, jedem Gast auf gut Glück ein Rothr-Gedicht vorlas, selbst wenn sie es noch nicht kannte. Sie wußte, es würde mit ihrer Welterfahrung übereinstimmen und-Heiterkeit hervorrufen – hatte allerdings das (typisch Rothsche) Pech, einmal einem besonders würdigen Besuch ausgerechnet die fast schlüpfrig verlaufende Ballade „Kleine Ursachen“ vorzulesen, die sie dann nur mit gebrochener Stimme und gesenkten Augen zu Ende bringen konnte.

Aber man braucht ja nicht zu beweisen, daß sich viele deutsche Leser mit Eugen Roth identifizieren. Auflagezahlen gehören zu den wenigen Eindeutigkeiten, die es im Bereich des geistigen Lebens gibt.

Schwieriger hingegen ist es, diese Identifikation zu begründen. Roths Arbeiten preisen das Inoffizielle, das Private. Was da als „Ein Mensch“ beschrieben wird, ist in Wahrheit eben nicht der zeitlose, mit immer neuen Eigenschaften und Wünschen behängte homo sapiens einer fundamentalen Ontologie, sondern genau dessen Gegenteil: der späte Bürger in Defensive, also der ganz und gar unheroische, in kleine Eitelkeiten und Freuden verstrickte, längst „verplante“ Bürger. Roths Verse sind antipathetisches Monument einer solchen Bürgerlichkeit. Spießbürgerlichkeit können nur diejenigen sie nennen, die nicht wissen, wie sehr der „Spießbürger“ einst ein wehrhafter Verteidiger seiner Lebensform – und darum genau das Gegenteil eines Feiglings – gewesen ist. Roths Mensch drückt das schlicht aus: „Ich? Ich gehör’ zu keiner Gruppe!“