Berichte über die Flucht der Ostdeutschen

Am 12. Januar 1945 brachen die sowjetischen Divisionen aus dem Weichselbrückenkopf von Baranow gegen die deutschen Stellungen vor und überrannten sie. Schnell näherten sich ihre Panzerkeile der schlesischen Grenze. Am folgenden Tage griffen die Russen an der ostpreußischen Grenze an. Auch hier wurden die dünnen deutschen Abwehrstellungen zertrümmert.

Die meisten Ostdeutschen hatten bisher den Versicherungen der Reichsführung geglaubt, es werde gelingen, den russischen Vormarsch an den Grenzen aufzuhalten. Sie hatten nichts für eine Flucht vorbereitet. Aber Mitte Januar war kein Zweifel mehr, daß die Russen bald die östlichen Provinzen besetzen würden. Ihren vorrückenden Armeen ging der Ruf der Grausamkeit voraus.

So machten sich etwa um den 20. Januar in den Dörfern und Städten Millionen von Menschen auf, um einzeln oder in Trecks nach Westen zu fliehen. Vielen gelang die Flucht, viele aber wurden von den Russen überholt. Sie mußten ihre Flucht aufgeben, entweder liegen bleiben oder in ihre Dörfer zurückkehren. Sie blieben dort nicht lange. Bald kam für sie der Befehl, die Heimat zu verlassen. So vollzog sich die größte Austreibungsaktion der neueren Geschichte.

Millionen haben auf der Flucht, unter fremder Herrschaft oder bei der Austreibung schwere Schicksale erlitten. Allein in den Gebieten östlich von Oder und Neiße sind dabei 1.6 Millionen Menschen umgekommen. Dazu kommen noch die Ermordeten oder durch Hunger und Krankheit Umgekommenen aus dem Sudetenland, Ungarn, Jugoslawien. Der Kölner Historiker Theodor Schieder hat zusammen mit Adolf Diestelkamp, Rudolf Laun, Peter Rassow und Hans Rothfels die Berichte der Flüchtlinge und Vertriebenen in elf Bänden gesammelt. Das Bundesministerium für Vertriebene hat sie herausgegeben.

Man kann sich schwerlich eine erschütterndere Lektüre vorstellen. Der Krieg ist immer grausam; was den Zweiten Weltkrieg so sehr von allen vorhergegangenen Kriegen unterscheidet, ist das Maß an Leiden, das wehrlosen Menschen zugefügt wurde. Um so notwendiger ist es für die Angehörigen aller Völker, diese Leiden wenigstens nachträglich aus den Erzählungen der Beteiligten kennenzulernen.

Der Sinn dieser Bände und der Sinn der Lektüre kann nicht darin liegen, Haß zu säen. Wohl aber gilt, was Schieder und seine Mitarbeiter im Vorwort niedergelegt haben: „Die Herausgeber fühlen sich in ihrem Gewissen nur an das Ethos der wissenschaftlichen Forschung gebunden. Wenn sie darüber hinaus auf einen politischen Grundsatz verpflichtet sind, so ist es der in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen ausgesprochene Verzicht auf Rache und Vergeltung. Sie wollen mit der von ihnen betreuten Veröffentlichung nicht einem Willen Vorschub leisten, der diesem Verzicht entgegensteht, nicht Empfindungen auslösen, die selbstquälerisch im eigenen Leid wühlen. Dazu sind sie sich viel zu sehr des deutschen Anteils an den Verhängnissen der beiden letzten Jahrzehnte bewußt. Sie hoffen vielmehr, daß durch ihre Arbeit die Einsicht verstärkt wird, daß sich die Ereignisse wie die Vertreibung nicht wiederholen dürfen, wenn Europa noch eine Zukunft haben soll.“