Friedrich Naumann, Werke. Band 1: Religiöse Schriften; Westdeutscher Verlag, Köln; 959 Seiten, 50,– DM.

Nachdem Theodor Heuss nicht nur durch seine Freundesbiographie, sondern auch durch häufigen Hinweis auf Naumann in seinen Reden diesen Mann der Vergessenheit entrissen hatte, danken wir nun der Friedrich-Naumann-Stiftung die fortschreitende Bekanntschaft mit dem Denken des sozialen Pastors Naumann, des Begründers einer neueren Tradition im deutschen Protestantismus, der man nachträglich wünscht, daß sie breiter und tiefer gewirkt hätte, als es der Fall war.

Leider wurde die schön gedruckte Ausgabe unzulänglich auf Druckfehler hin durchgesehen. Im Namensverzeichnis, das zum Verständnis der Texte beitragen soll, sind so wichtige Namen wie Johann Hinrich Wichern und Adolf Stöcker ausgelassen.

Naumann galt in seinen eigenen kirchlichen Kreisen wegen geistiger Beziehungen zur Sozialdemokratie vielfach geradezu als verdächtig; politisch strebte er danach, eine Phase des Sozialismus vorzubereiten, die nach dem Marxismus kommen müsse. Auf das Zeitalter der Sozialdemokratie sollte nach Naumanns Prognose ein christlich-soziales Zeitalter folgen.

Im Gegensatz zum Hofprediger Stöcker stand Naumann der Sozialdemokratie unbefangen und vorurteilslos gegenüber, er kämpfte nicht gegen sie, sondern er studierte sozialdemokratische Schriften und suchte seine Glaubensbrüder über ihre sozialen und gesellschaftspolitischen Versäumnisse, die marxistisch organisierten Arbeiter über das Wesen christlichen Glaubens zu belehren. Man meint den tschechoslowakischen Theologen Hromadka auf der Prager Friedenskonferenz des Jahre 1964 zu hören, wenn man Naumanns Sätze aus dem Jahre 1890 liest: „Die evangelische Kirche mußte längst zur sozialen Frage entschiedener Stellung nehmen. Hätte sie es eher getan, so würde die sozialistische Hauptpartei nicht so prinzipiell widerchristlich geworden sein, wie sie es eben geworden ist, denn die Gottlosigkeit ist nicht an sich ein Bestandteil des Sozialismus.“

Wenige Jahre später freilich mündete Naumanns christlicher Sozialismus in weitaus mächtigere Strömungen jener Zeit ein: Angeregt durch die Schrift Max Webers über den Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik übernahm Naumann die politische Forderung nach einem Sozialismus, der deutschnational sein müsse, und fortan wuchsen aus dem christlichen Sozialismus ein nationaler Sozialismus mit seiner 1896 gegründeten Tageszeitung „Die Hilfe“ und die Partei der Nationalsozialen.

Hierüber, über Naumanns – Kaiserideal, seine positive Haltung zur Kolonial- und Flottenpolitik, seinen „ethischen Imperialismus“ werden wir in den Folgebänden lesen; immerhin sei schon jetzt auf eine Äußerung Friedrich Meineckes aus dem Jahre 1946 („Die deutsche Katastrophe“, Seite 34) hingewiesen, der es bedauerte, daß Naumanns Versuch, Bürgertum und Arbeiterschaft in den großen Hauptfragen des öffentlichen Lebens in Harmonie zu bringen, gescheitert sei: „Wäre es ihm gelungen, so würde es wohl nie zu einer Hitler-Bewegung gekommen sein ... Es war einer der edelsten Träume der deutschen Geschichte, aber eben ein Traum, der als Ganzes teils zu früh, teils zu spät für die Zeit kam.“