Von Rolf Winter

Vor sechzehn Jahren hat sich Dr. Theodor Binder, ein Arzt aus Lörrach, in Peru niedergelassen und im Urwald das „Amazonas-Hospital Albert Schweitzer“ gegründet. Gelder aus Deutschland, Hilfe eines Hamburger Vereins, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Dr. Binder zu unterstützen, ermöglichten es dem Arzt, sein Krankenhaus zu führen. Der Verein hat sich nunmehr aufgelöst, das Spendenkonto ist gesperrt. Denn: In letzter Zeit wurden schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben. Sie bezogen sich auf seine medizinischen Fähigkeiten, auf die Fähigkeit, sein Krankenhaus zu führen und mit Mitarbeitern umzugehen. Man sagte ihm charakterliche Mängel nach und warnte offizielle Stellen der Bundesrepublik, diesen „Abenteurer und Phantasten“ zu unterstützen. Es mag ein Zufall sein, daß gerade jetzt, da zum 90. Geburtstag Albert Schweitzers sich viele kritisch mit dem Werk von Lambarene auseinandersetzen, Dr. Binder ins Kreuzfeuer der Kritik gerät. Rolf Winter, der Verfasser des folgenden Beitrags, hat das Amazonashospital vor zweieinhalb Jahren besucht. Von ihm und dem Photographen Thomas Höpker stammt das daraus hervorgegangene Buch „Yatun Papa“ (Kosmos-Verlag in Stuttgart).

Das kann man in Peru ebenso wie in der Bundesrepublik erleben: Was den Urwaldarzt Dr. Theodor Binder betrifft, der im Osten Perus im Einzugsgebiet des Amazonas das kleine Hospital Amazonico Albert Schweitzer leitet, gibt es keine lauen Urteile. Solange es unter denjenigen, die ihn kennen, eine Diskussion über Binder gibt – es gibt sie schon lange; es gab sie längst, bevor sich deutsche Zeitungen in spektakulärer und zuweilen unappetitlicher Weise des Arztes bemächtigten – ist sie ohne Mitteltöne gewesen. Dieser Mann, eckig, beharrlich bis zur Dickköpfigkeit, ganz und gar unkonventionell, gewiß wenig elegant im Umgang mit Menschen, gewiß kein Diplomat, gewiß kein Taktiker – dieser Mann, der es sich zum Lebensziel gesetzt hat, den Indianern Ostperus ein helfender Freund zu sein und bei ihnen „einen neuen Menschheitsmorgen“ zu suchen, ist in der Tat kein Mensch, von dem man unentschieden geht, wenn man ihm einmal begegnet ist: Er fordert heraus. Wie seine Arbeit, den im Dschungel siechenden Indianern zu helfen, als eine Herausforderung an die in Konventionen und Kalendersprüche verliebte zivilisierte Welt gemeint war, so ist er gewiß stets allen, die ihm begegneten, als Herausforderer erschienen. Dieser Mann, der Kompromisse haßt, muß vielen ein Ärgernis sein – den chronisch Konventionellen vor allen, aber durchaus nicht nur ihnen, und gelegentlich auch seinen Freunden.

Binder hat Feinde – wie sollte er nicht? Er hat sie seit Jahren in der Bundesrepublik und in Peru. Seit Jahren hagelt es böse Vorwürfe gegen ihn und sein Hospital, und seit Jahren ist Binder taktisch nicht begabt genug – und im Grunde auch wohl nicht willens –, die Kampagne gegen ihn clever zu beantworten. Dossiers sind seine Waffen nicht.

Dafür sind sie offenkundig die bevorzugten Waffen seiner Gegner, die sie nun mit großem Erfolg in deutschen Zeitungsredaktionen öffnen und ihren zweifelhaften Inhalt anbieten. Erstaunliches entquillt ihnen:

Binder habe Medikamente fortwerfen lassen, wirft man ihm vor – na und? Haben die Menschen, die diesen Vorwurf erheben, eine Ahnung davon, daß in Binders Hospital oft genug Medikamente aus Europa ankommen, deren Verwendungsfrist nach monatelanger Schiffsreise und dem abenteuerlichen Transport von Lima über die Anden in den Dschungel längst abgelaufen ist, so daß sie fortgeworfen werden müssen? Wissen sie, daß von braven Spendern, gut gemeint, bisweilen hanebüchene Sachen in das Hospital geschickt werden, mit denen Binder nichts anfangen kann: Frostschutzsalben, Abmagerungspillen, Mittel gegen die Managerkrankheit?

Gespendete Medikamente habe Binder, wirft man ihm vor, gegen Geld abgegeben. Ich war länger als drei Wochen in Binders Hospital. Ich habe gesehen, wie selten dort zahlungsfähige Patienten sind. Soll Binder von ihnen bloß deshalb kein Geld nehmen, weil die verabfolgten Medikamente gespendet sind?