Ernst Schnabel war es, der mit pädagogischem Charme und der Anmut des geheimen Verführers im Dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks ein Etablissement beschrieb, das man vergeblich im Verzeichnis von Gaststätten sucht. Um ein Caféhaus ging es (Kaffeehaus sagte, mit sächsisch-entschlossener Intonation, der Dichter des sechsten Gesangs), um jenes Lokal, in dem Hans Mayer und Marcel Reich-Ranicki allmonatlich ihre Gäste erwarten: Hier wurde mit Schuh diskutiert, mit Torberg auf Remis gespielt: hier plauderte Bondy, stritten Killy und Benno von Wiese, hier blieb Krämer-Badoni als zweiter Sieger zurück.

Dieses Mal war Max Frisch an der Reihe; Mayer eröffnete die Partie, in der forensischen Rhetorik wohl geübt, mit Fragen, die zugleich dem Dramatiker und dem Epiker galten; Ranickis kleiner Finger schwebte, die Kurve der zum Munde geführten Tasse bezeichnend, quer über den Schirm; Max Frisch begann zu replizieren; die Eingangsstimmung war gut. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einem Schriftsteller begegnet zu sein, der auf präzise Fragen so geistesgegenwärtig, so plastisch und so gediegen zu antworten verstand, wie es an diesem Abend Max Frisch tat.

Bekenntnismut, aber keine Spur von exhibitionistischer Pose; Redlichkeit, die – statt bieder zu wirken – eher weitläufig erschien; Argumente, die auch in Form von Bildern nicht von ihrer Schärfe verloren: wieviel kam zusammen, und welche kostbaren Pointen kollerten da, von helvetischen r-Lauten eher gemütlich befördert, über die Lippen: „Als ich eine schlechte Kritik über mein Buch las, dachte ich an Thomas Mann, der sich nach solchen Verrissen zwei Tage ins Bett legte. Ich habe mich nicht ins Bett gelegt – aber doch an Thomas Mann gedacht.“

Während die Pfeife, nur zu einem Viertel gestopft, asthmatisch zischte und pfiff, zwischen Ziehen und Blasen, sagte Frisch in Nebensätzen die erstaunlichsten Dinge, begründete den Zwang für ihn, vom Drama zum Roman, vom Roman zum Drama zu wechseln („der Dialog wiederholt sich zu leicht“, „ich erbe die Diktion des letzten Stücks, und diese Erbschaft ist nicht gut“), sprach, einen Blick in die Werkstatt eröffnend, vom Zweifel am Imperfekt, vom So-tun-als-ob des Draufloserzählens, „keine Beschäftigung für einen erwachsenen Menschen“, erwog sodann, weshalb die Möglichkeitswelt, die Dimension des „ich Stelle mir vor“, viel wirklicher als das angeblich realistische „es war einmal“ sein könne; so wie man der Wahrheit näherkäme, wenn man die Fiktion präsentiere ... erzählte und diskutierte, sprach von der Pflicht des Schriftstellers, nur das zu beschreiben, was ihm bekannt sei: Kindheit und Krieg, Beruf und Schule, wußte auf jede Frage eine nützliche Antwort, entwarf eine Reihe von poetologischen Formeln und ergänzte sie, den Ernst zurücknehmend, durch Überlegungen, deren witzigste an Peter Weissens de Sade-Drama anknüpfte: „Wer stellte sich nicht gern (wie der Marquis den Marat) seinen Gegner in der Badewanne vor – er bloß, man selbst um ihn herumspazierend?“ Dieses sagend, zwinkerte Max Frisch lächelnd und nachdenklich den beiden Gastgebern zu. Dann drehte er den Kopf, das Pfeifenrohr zischte, und blickte den Zuschauer an.

In diesem Augenblick sahen sich alle Gantenbein-Kritiker nackt in der Wanne. Momos