Die Umkehr der politischen Positionen ist manchmal wirklich erstaunlich. Bernhard Tacke, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes und Mitglied der CDU, hat dieser Tage der versachlichten Lohnpolitik eine prononcierte Abfuhr erteilt, zu deren Vorkämpfer manche Sozialdemokrat tische Gewerkschaftler – vor allem Georg Leber – geworden sind. Tacke hat Tarifkündigungen für 10 Millionen Arbeitnehmer und die Weiterführung der „expansiven Lohnpolitik“ angekündigt.

Noch ist nicht zu erkennen, ob seine Äußerungen lediglich einen letzten Aufstand der Konservativen innerhalb des DGB darstellen oder tatsächlich einen Kurswechsel in der Tarifpolitik ankündigen. Jedenfalls kann Tacke nicht schnell und nicht deutlich genug widersprochen werden – im Interesse der Gewerkschaften und der gesamten Wirtschaft. Wenn der DGB tatsächlich auf. die „Tacke-Linie“ einschwenken sollte, so wäre eine ernsthafte Gefährdung des mühsam erreichten wirtschaftlichen Gleichgewichts in der Bundesrepublik zu befürchten.

Was sich hinter der Wiederbelebung des alten Schlagwortes von der „expansiven Lohnpolitik“, verbirgt, das selbst Otto Brenner von der IG Metall kaum noch verwenden mochte, darüber hat Tacke keinen Zweifel gelassen. Die Gewerkschaften wollten, so sagte er, im Jahre 1965 jede sich bietende Gelegenheit zu Tarifkündigungen auszunutzen. Für die Höhe der Lohnforderungen könne dabei der Fortschritt der Produktivität in der Wirtschaft kein Maßstab sein.

In der Tat: der Produktivitätsfortschritt allein kann wohl nicht Maßstab der gewerkschaftlichen Lohnpolitik sein. Die Gewerkschaften können darüber hinaus mit guten Gründen einen „Aufschlag“ für den Kaufkraftschwund verlangen, sich also etwa am nominalen Zuwachs des Sozialprodukts orientieren. Aber ohne jeden Maßstab – wo sollen da die Grenzen gewerkschaftlicher Lohnforderungen liegen?

Kann die Rückkehr zu einer Lohnpolitik, bei der jeder Tarifpartner seinen Standpunkt ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzt, wirklich ein lohnendes Ziel sein? Wobei nach Tackes Ansicht auch noch die Laufzeiten der Tarifverträge verkürzt werden müßten, während sich doch einsichtige Gewerkschaftler, gerade für eine Verlängerung der Laufzeiten einsetzen, um das ständige Gefeilsche um Prozente einzuschränken.

Bernhard Tacke will die Gefahren, die mit seiner „expansiven Lohnpolitik“ verbunden wären, offensichtlich nicht sehen: Die aktive Lohnpolitik, sagt er, habe auch in der Vergangenheit in keiner Weise zur Verteuerung der Lebenshaltung beigetragen. Hier werden Tatsachen einfach auf den Kopf gestellt. Gewiß wird heute niemand mehr behaupten, Lohnerhöhungen seien allein an Preissteigerungen schuld. Aber dafür, daß sie auch zur Erhöhung des Preisniveaus beitragen, gibt es Tausende von Beispielen. Zuletzt das der Verteuerung der Kohle- und Energiepreise als Folge der drastischen Lohnerhöhung im Bergbau.

Ludwig Rosenberg, die Reformer und die jungen Kräfte im DGB müssen aufpassen: Sie dürfen sich nicht auf diesen verhängnisvollen Weg drängen lassen. Das Beispiel Englands zeigt, was herauskommt, wenn die Gewerkschaften der wirtschaftlichen Vernunft zuwiderhandeln: eine Blockierung des technischen Fortschritts, eine Verminderung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Alle, nicht zuletzt die Arbeitnehmer, müssen dann dafür bezahlen. Diether Stolze