Von Nina Grunenberg

Düsseldorf

Je nach Temperament – mit Trauer oder Zähneknirschen – erinnern sich die Mitglieder das „Gewerkschaft der Polizei“ (GdP) heute an das Motto ihres Bundeskongresses, der im Oktober in Wiesbaden stattgefunden hatte. „Die Einheit vollenden“ war die Losung gewesen, die der der Chef der GdP, Werner Kuhlmann, die 177 Delegierten noch einmal an die Kandare gegewesen hatte. Wie trügerisch die Einheit gewesen war, stellte sich noch vor Ablauf des alten Jahres heraus.

Am 21. Dezember 1964 legte der zweite Vorsitzende der GdP im Landesbezirk Nordrhein-Westfalen, Polizei-Hauptkommissar Viktor Manschaft sein Amt nieder, trat aus der Gewerkschaft aus. „Ich bin nun nicht mehr bereit“, teilte er den Kollegen auf einem Flugblatt mit, „der immer unhaltbarer werdenden Zustände in der Gewerkschaft der Einheit die sich zum Schaden gewerkschaftlicher Einheit hoffnungslos zur Richtungsgewerkschaft entwickelt hat, für meinem Namen zu decken.“ Verantwortlich für sein Unbehagen machte er den GdP-Vorsitzenden Kuhlmann, dem er „Nichtbeachtung von Vorstandsbeschlüssen“ vorwarf, „ständige diktatorische Ein-Mann-Entscheidungen“, „systematische Abwahl aller Widersprechenden“, „fortgesetzte verantwortungslose Zerstörung des Verhandlungsklimas“ und die „lautlose Überführung der GdP in den DGB ohne Befragung der Mitglieder“. Außerdem bescheinigte er ihm „Ungerechtigkeit“, „Unbeherrschtheit“, „ewige Unzufriedenheit“ und ein „fast schon pathologisches Mißtrauen“.

Manweiler konnte sicher sein, daß er mit seiner Attacke nicht allein stand. Mit ihm kündigten die Kreisgruppenvorsitzenden von Wuppertal und Krefeld und der Sekretär des Gewerkschaftsvorstandes der Gewerkschaft die Treue, außerdem eine Schar einfacher Mitglieder, deren Zahl Kuhlmann auf 21 bezifferte, Manweiler jedoch in einem Interview mit „über 300“ angab. Das Feilschen um die Zahlen hat seinen guten Grund: Mit seinen Freunden hofft Viktor Manweiler eine neue „neutrale Gewerkschaft“ zu gründen. Das Vorhaben soll vom Deutschen Beamtenbund finanziert werden.

Schon vor dem Bundeskongreß waren in der GdP anonyme Pamphlete zirkuliert, die sich gegen Kuhlmann und seine Absicht richteten, die GdP in den Deutschen Gewerkschaftsbund zu überführen. Da hieß es, der Vorsitzende sehne sich „nach dem Posten eines Säulengenerals im DGB“. Und: „Ihre Kollegen, die diesen Weg der Information wählen, sind am Ende ihrer Kraft...“ Nun wird Manweiler, der auf dem Kongreß gegen Kuhlmann kandidierte und unterlag, mit zum Kreis der Verdächtigen gezählt. Im Düsseldorfer Gewerkschaftshaus wird aus allen Reihen gefeuert: Von „Spaltern“, „Verrätern“, „Abtrünnigen“ ist die Rede.

Die GdP-Kommission, die die „Angelegenheit ‚anonyme Schreiben pp.‘ “ untersucht, schickte an alle Landesvorstände einen Fragebogen. Punkt vier: „Ist bekannt, ob bei Zusammenkünften außerhalb der gewerkschaftlichen Gremien Fragen der Organisation besprochen wurden? Welcher Kreis hat sich getroffen?“ – Der Bürger, polizeilicher Fragemethoden nicht unkundig, schließt schadenfroh: gelernt ist gelernt. Die Polizei untersucht nicht nur andere, sondern auch sich selbst.