Gibt es schon wieder einen „Fall Augstein“? Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen den Herausgeber des Spiegel. Sie hat ihn zur Vernehmung nach Karlsruhe vorgeladen. Augstein steht abermals im Verdacht, die Paragraphen 99 und 100 des Strafgesetzbuches verletzt – also Landesverrat begangen zu haben. Gegenstand der Ermittlungen, so wurde ihm mitgeteilt, seien seine Artikel in den Spiegel-Ausgaben vom 18. November 1964 und vom 6. Januar 1965.

Noch ist nicht bekannt, woran die Bundesanwaltschaft im einzelnen Anstoß, nimmt, aber ein Vergleich der beiden Aufsätze läßt den Schluß zu, daß es um eine Behauptung geht, die mit dem ehemaligen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß im Zusammenhang steht.

Im November schrieb Augstein: „Ist denn gelogen, daß Offiziere des Verteidigungsministeriums sich zu Amtszeiten des Ministers Strauß mit Studien beschäftigt haben, ob man gegnerischen Angriffsabsichten – wie erkennt man die? – mit einem vorbeugenden Atomschlag, einem preemptive strike, zuvorkommen könne?“

Und in der ersten Ausgabe dieses Jahres heißt es in einer Analyse, die sich unter dem Titel „Die Lust zum Tode hin“ vorwiegend mit dem unseligen Atomminenplan des Generals Trettner beschäftigt: „Obwohl die Bundesrepublik atomar nicht verteidigt, sondern nur vernichtet werden kann, hat ihr Bundesverteidigungsminister im Frühjahr 1962 eigens eine Studie in Auftrag gegeben, die dem Westen den kriegsbeginnenden Atomschlag für den Fall zuschob, daß die Absicht des Gegners, einen atomaren Überraschungsschlag zu führen, ‚klar erkannt‘ sei.“

Nun ermitteln sie also wieder, in Karlsruhe. Sie ermitteln gegen Rudolf Augstein, der seit der Spiegel-Affäre, im Herbst 1962 – auch damals schon unter dem Vorwurf des Landesverrates – auf die Eröffnung der Hauptverhandlung wartet. Wobei freilich zu erwähnen ist, daß die Umgangsformen, deren sich die Justizorgane heute befleißigen, bemerkenswert von den damaligen abstechen. Statt der schnellen Verhaftung ein höflicher Brief.

Sie ermitteln aber auch gegen Adelbert Weinstein, den Wehrexperten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Weinstein hatte im Pentagon von dem Plan gehört, den Bundesverteidigungsminister von Hassel und Generalinspekteur Trettner dort vorgelegt hatten: einen Atomgürtel entlang der Zonengrenze gleichsam als apokalyptischen Stolperdraht zu installieren.

Der Journalist Weinstein folgte seinem Gewissen, als er den Lesern von diesem Vorhaben Kenntnis gab, das auf nichts anderes als auf den Selbstmord eines Volkes hätte hinauslaufen können. War das Geheimnisverrat? War das Landesverrat? War das ein Verbrechen? Wer hat hier dem Wohl der Bundesrepublik geschadet – der den Plan entwarf oder der ihn enthüllte?