Ludwig Erhard wurde vor seiner Reise nach Rambouillet von einem der größten Interessenverbände der Bundesrepublik am Portepee gefaßt: Der Bund der Vertriebenen bat ihn, er solle Charles de Gaulle klarmachen, daß keine Nation auf ein Viertel ihres Staatsgebietes verzichten könne. Und der französische Präsident wurde von den Vertriebenenfunktionären gewarnt, er solle nicht den Geist von Jalta Wiederaufleben lassen.

De Gaulle war aber in Jalta nicht dabeigewesen; seine Alliierten hatten ihn von der Konferenz ausgesperrt. Für die Grenzziehung an Oder und Neiße ist er also nicht verantwortlich. Aber kein westlicher Staatsmann hat es so deutlich wie er ausgesprochen, daß eine Einigung mit der Sowjetunion die „Respektierung“ auch der Oder-Neiße-Grenze voraussetzt.

„Respektierung“ ist noch nicht „Anerkennung“. Bisher ist auch Frankreich noch an das Potsdamer Abkommen gebunden, das von den Grenzen des Jahres 1937 ausgeht und die Grenzregelung einem Friedensvertrag überläßt, der nach westlicher Ansicht nur mit Gesamtdeutschland abgeschlossen werden kann.

An diesem Punkt hakte am vorigen Donnerstag in Berlin der stellvertretende SPD-Vorsitzende Fritz Erler ein. Zwangsläufig, sagte er, müßte bei Verhandlungen der vier Mächte über eine Wiedervereinigung auch über die Grenzen gesprochen werden, sonst werde die Wiedervereinigung nie kommen.

Aber Erler ging noch weiter: Bonn soll früher oder später auch mit den Polen selber in zweiseitigen Gesprächen die Grenzfragen erörtern. Eine Vereinbarung erscheine um so leichter, als die Oder-Neiße-Linie von keinem der beiden Länder, sondern von anderen gezogen sei.

Das Echo auf diesen Vorschlag war vielfältig. Parteifreund Wenzel Jaksch, Präsident des Bundes der Vertriebenen, winkte sofort ab. Erlers Vorstandskollege, Herbert Wehner, gab ein Interview, das wie ein Tadel klang: Deutschland müsse bei Friedensverhandlungen in den Grenzen von 1937 zur Verhandlung stehen, oder die andern hätten eine wesentliche Schlacht gewonnen. Staatssekretär von Hase ereiferte sich im Namen der Regierung: „Einseitige Erklärungen dieser Art bringen Deutschland der Wiedervereinigung keinen Schritt näher.“ CDU/CSU-Fraktionschef Barzel sprach von Schritten „in einer abwegigen Richtung“, die FDP vom „Ausverkauf der Interessen“.

Am kühlsten reagierte Warschau: Die Oder-Neiße-Grenze sei überhaupt kein Verhandlungsgegenstand. Polen will daran nicht rühren lassen, weil lebenswichtige Interessen auf dem Spiel stehen. Mehr als ein Viertel seiner Bevölkerung wohnt in den ehemals deutschen Gebieten (bald werden es genauso viele Polen sein wie Deutsche vor dem Kriege). Hier arbeiten rur.d dreißig Prozent aller Beschäftigten des Landes, hier sind fast 28 Prozent der polnischen Industrieproduktion konzentriert, hier liegen 34 Prozent der landwirschaftlichen Nutzfläche. Der polnische KP-Führer Gomulka sagte bereits 1957: „Die Westgebiete sind für Polen eine Frage um Leben und Tod, und jeder Pole weiß das.“

Aber obwohl Warschau und Bonn ihm die kalte Schulter zeigten, hielt Erler an seinem Vorschlag fest: Wer daraus einen einseitigen Verzicht herauslese, handele wider besseres Wissen. Dennoch scholl es ihm von der CDU erneut entgegen: „Das ist eine Politik vorzeitiger und unnötiger Angebote.“ Auch Fritz Erler mußte erfahren, daß in Deutschland niemand ungestraft an Tabus rührt.