„Die blonde Sünderin“ (Frankreich; Verleih: Cine-Union): Schauplatz ist die Côte d’Azur (die Bucht der Engel, so der Originaltitel „La Baie des Anges“): Nizza, Monte Carlo und deren Spielkasinos, der heiße Sommer und der steinige Strand, der Boulevard des Anglais, kleine Eckhotels und die feudalen Paläste der Society mit Suiten, Balkonen und Erkern, eine verbaute Welt, Restbestände des 19. Jahrhunderts, Traum der Kleinbürger. Jacques Demy liebt diese Welt, in der es nur Licht gibt, helle Räume, Schnörkel an den Betten, Flitter um die Schultern und weiße Smokings; aber er ironisiert sie gleichzeitig, weil sie eben eine Täuschung ist, der Atem von vorgestern.

In diese Welt bricht Jean ein, ein. kleiner Angestellter eines Pariser Bankhauses. Er durchschaut den Anachronismus, aber erliegt seiner Faszination. Kurzentschlossen war er nicht zum traditionellen Loire-Urlaub gefahren, sondern nach Nizza. Und bei seinem ersten Rundgang durch das Kasino trifft er Jackie und wird ihr Talisman im Spiel. Sie kennt sich aus, reist mit einem kleinen Köfferchen von Spielbank zu Spielbank, gewinnt hier und verliert dort. Die Ehe hat sie verspielt, das Vermögen ihres Mannes und die Liebe ihres Sohnes. Alles langweilt sie, Glück findet sie nur beim Roulette. Sie übt es noch nachts im Hotelzimmer und an den Groschenautomaten der Bistros.

Der ständige Wechsel zwischen Reichtum und Armut, heute im Hotel de Paris zu schlafen und morgen auf der Bank eines Bahnhofs, ist das einzige Abenteuer, das ihr geblieben ist. Und sie weiht Jean in ihre Welt ein; lehrt ihn, zu speisen und nicht zu essen, in einer Zimmerflucht zu wohnen und nicht im Doppelzimmer zu schlafen, im Sportwagen zu reisen und nicht mit der Bahn zu fahren. Jean gefällt das, geht doch der Traum des kleinen Angestellten in Erfüllung. Aber er weiß, daß es nur ein Traum auf Zeit ist. Er riskiert dabei nichts, denn am Ende hält ihn der Job bei der Bank.

Demy baut eine synthetische Welt, in der das Roulette nur eine Metapher ist. Seine Figuren leben für eine Hoffnung. Sie spielen um die Liebe, und Demys Filme probieren die Möglichkeiten. Jean und Jackie finden endgültig erst zusammen, als Jean erkennt, daß Jackie nicht zu ändern ist. Jackie folgt ihm, weil er sie akzeptiert, wie sie ist, und weil mit ihm ihre vielleicht letzte Hoffnung entschwinden könnte.

Demy erzählt Geschichten, er probiert sie an wie Kleider, und er macht es dem Zuschauer bewußt. Er ist Romantiker, und wenn er auch weiß, daß es zwischen den beiden eigentlich keine wirkliche Verständigung geben kann; wenn er auch weiß, daß Liebe in der Konsumentenwelt der fünften Republik am Rande angesiedelt ist, bleibt sie ihm doch als Hoffnung, die es zu versuchen gilt. W. D.