HANNOVER (Kestner-Gesellschaft):

„Paul Eliasberg“

Wieder präsentiert die Kestner-Gesellschaft ein ungleiches Paar. In den Haupträumen den mächtigen, übermächtigen, gewalttätigen HAP Grieshaber, mit den Blättern, die vorher in Lübeck zu sehen waren, und ein paar wesentlichen Ergänzungen, dem Zyklus vom vietnamesischen Hängebauchschwein (Besucher der Achalm kennen das Original) und der größten Holzschnittfolge, die je ein Künstler von Holzstöcken gedruckt hat, dem 3 × 12 m messenden sechsteiligen Holzschnitt „Der Rhein“, der im neuen Bonner Stadttheater plaziert werden soll: ein phantastisches Stelldichein von Lorelei und Winzer, Christopherus und Nixe, römischen Legionären und singenden Maiden, von Mythos, Geschichte und Gelächter. – Paul Eliasberg kann neben einem solchen Koloß leicht übersehen werden. Er ist in allem das Gegenteil, nicht monumental, nicht witzig, nicht mythisch, nicht aggressiv. Seine Federzeichnungen sind liebevoll, ja zärtlich gestrichelte Erinnerungen an Landschaften, an Häfen, an die Inseln der Ägäis, an französische Kathedralen. Ein graphisches Netz, das aus winzigen Partikeln, aus zerfaserten Linien gesponnen ist, ein hauchzartes Craquele aus Rissen und Sprüngen, das die Spuren von Landschaft und Architektur auf eine zwar poetische, aber äußerst präzise Weise nachzeichnet. Eliasberg gehört zu den subtilsten Zeichnern der Gegenwart, seine Sensibilität ist an Paul Klee und an Roger Bissiere geschult, der ihn in den zwanziger Jahren an der Académie Ranson unterrichtete und sich in den letzten Jahren lebhaft für seinen ehemaligen Schüler eingesetzt hat (Bissière, der Lyriker in der Ecole de Paris, ist im Dezember 1964 gestorben). Eliasberg stammt aus einem literarischen Milieu. Er ist 1907 in München geboren, sein Vater, Alexander Eliasberg, war Übersetzer und Schriftsteller. Heinrich und Thomas Mann, Stefan Zweig, auch Paul Klee verkehrten in seinem Hause. Seit 1926 lebt er in Paris. Erst in den letzten fünf Jahren sind seine Zeichnungen und Bilder häufig in Deutschland ausgestellt. Hannover zeigt – bis zum 31. Januar – 70 Zeichnungen, 30 Aquarelle und 15 Radierungen. Die Ausstellung geht weiter nach Mülheim, Lübeck und München. g. s.