Berlin

Am Montag letzter Woche staunte ein Oberleutnant der Mauertruppe nicht schlecht, als ihm von einem Visitierten aus Westberlin die Antwort wurde: Ich würde mich gern mal länger mit Ihnen unterhalten. Das an diesem Ort selten geäußerte Verlangen rief denn auch ein verblüfftes Lachen hervor. Der vorhergehende Teil der Unterhaltung war weniger gemütlich verlaufen. Der Visitierte, Wolfgang Neuss, Debütant als Zeitungsherausgeber und Schöpfer einer Ost-West-Eisbrecher-Variante mit dem Motto „Macht’s mit Laune, Leute“ hatte schon einige Male den Durchschlupf Sandkrugbrücke passiert. Grund: Besuch von Aufführungen des Berliner Ensembles.

Der Oberleutnant: „Das letztemal waren Sie doch mit einem anderen Wagen da?“

Der Kabarettist: Der heute gehöre seiner Frau. Der Oberleutnant: „Kann die sich das denn leisten?“

Sodann fischte er die zehn Exemplare der Ein-Seiten-Zeitung „Neuss Deutschland“ und drei „Spiegel“-Nummern unter dem Armaturenbrett heraus: Was für eine Zeitung das wäre, erstens, und wem sie zugedacht sei? Neuss nannte Wolf Kaiser, Schauspieler und Macky-Messer-Darsteller im „Berliner Ensemble“. Ihn wollte er, so war’s vor Tagen verabredet, besuchen und die neue Zeitung überreichen. Zwecks Kenntnisnahme und Streuung an solche, die jenseits der Mauer ebenfalls interessiert wären am Austausch gezielter Umwürfe von politischen Tabus. Nach dem Studium des Scherzzwillings von Ulbrichts Staatsalmanach „Neues Deutschland“ entschied der Wächter, die Mitnahme sei unstatthaft.

Wolf Kaiser, auf den Schwingen der Wut, drohte später in seiner Wohnung, Friedrichstraße, mit äußersten Schritten. Beim ZK wolle er über solche Sturheit Beschwerde führen. Neuss: Mir haben hohe Kommunisten gesagt, sie fänden die Sache gut, sie diene der Entspannung. Weniger der Entspannung dienlich fanden sie allerdings, daß es in der Kopfleiste von „Neuss Deutschland“ hieß: „Komiker aller Länder vereinigt euch!“ Das stelle eine Beleidigung des Proletariats dar. Die Originalkopfleiste im Neuen Deutschland fordert Proletarier aller Länder auf, sich zu vereinigen. Komiker sind nicht vorgesehen.

Die erste Ausgabe ist offenbar etwas schnell zustande gekommen. Sie sollte noch vor Weihnachten und zu Willy Brandts Geburtstag auf dem.Markt sein. Wegen der Eile sitzt der Inhalt der ersten Nummer auch noch nicht richtig, deswegen auch hat die Scherzmannschaft auf Jonathan Swifts Texte zurückgegriffen, anstatt, laut Konrad Jule Hammer (Mitherausgeber) „bloß unsere eigenen unausgegorenen Texte zu drucken“.