Zum 150. Todestag des Dichters Matthias Claudius

Von Urban Roedl

Es hat nicht viel gefehlt und das kleine Wandsbek (damals Wandsbeck geschrieben) wäre beinahe ein literarisches Zentrum Norddeutschlands geworden. Dort redigierte Matthias Claudius den „Wandsbecker Boten“, eine vierseitige, viermal wöchentlich erscheinende Zeitung, wie es weder vor- noch nachher eine gegeben hat. Unter der Rubrik „Gelehrte Sachen“ brachte sie Beiträge von Gleim und Herder, Klopstock, Lessing, Goethe und Gerstenberg, von Voß, Bürger, Hölty und den Stolbergs. Und zwischen Originalberichten aus Kopenhagen, Lissabon und Algier las man:

1774, No. 23. Frankfurt an der Oder. Den 26. Januar ist hier der bekannte Doktor und Professor der Theologie Töllner gestorben, in einem Alter von 50 Jahren; da er doch hätte hundert alt werden sollen.

1775, No. 65. Wandsbeck, den 26. April. Gestern hat hier die Nachtigall zum erstenmal wieder geschlagen.

Es waren aber nicht diese Notizen, die das Dorfblättchen zum lesenswürdigsten Blatt im deutschen Reich machten, wie Voß den „Boten“ nannte. Und auch mit seinen Abhandlungen, Rezensionen, Gedichten und Epigrammen hätte der „weltberühmte Asmus“ – so titulierte Lessing ihn – sein Wandsbeck nicht zum literarischen Schwer- und Sammelpunkt machen können.

Da kam aber 1774 Johann Heinrich Voß, Führer des Göttinger Dichterbundes, nach Hamburg und erwog mit Claudius den Plan, den Göttinger Hain nach Wandsbeck zu verpflanzen. Voß und Hölty wollten die ersten sein. Claudius mietete auch gleich ein Häuschen für die beiden und verfaßte mit Rebekka, die zu finden er das Glück gehabt hatte, einen kuriosen Voranschlag der Lebenskosten für die Musenjünger. Den ersten Strich durch die Rechnung machte die Schwindsucht des zarten Hölty, der so gern mit dabeigewesen wäre, und das Haus an der Langen Reihe wurde nur das Logis des Bänkelsängers Voß Hochedlgeb.