Die leidige Erfahrung, daß sich im Zeichen der Entspannung die Bündnisse lockern, bekümmert den Osten nicht minder als den Westen. Die Sorge um die Einheit war denn auch der eigentliche Grund für die Konferenz der kommunistischen Führer in Warschau. Nach außen hin wurde zwar der Anschein erweckt, als gelte es, die MLF, die atomare Geisterflotte der NATO, zu bannen. Besonders die sowjetische Publizistik der letzten zwei Wochen tat so, als sei die Atomflotte keineswegs an den Klippen westlicher Meinungsverschiedenheiten zerschellt, sondern gefährlicher denn je. In den Prager, Budapester und Warschauer Zeitungen aber las man sehr viel von dem Zwist, der gerade der MLF wegen im westlichen Lager herrscht, und so kann kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß die MLF nur noch ein Propaganda-Thema, aber kein Konferenz-Thema mehr ist.

Die neue Sowjetführung muß in Warschau bemüht sein, ihren Autoritätsschwund wettzumachen, den sie seit dem Sturz Chruschtschows bei den Verbündeten erlitten hat, die immer mehr versuchen, handelspolitisch und außenpolitisch eigene Wege zu gehen. Sie braucht ihre Unterstützung im ständig weiterschwelenden, nur oberflächlich verdeckten Konflikt mit Peking. In einem Punkt indes herrscht weitgehend Einigkeit. Es besteht ein gemeinsames Interesse an der „europäischen Sicherheit“.

Jede Erwägung von Abrüstungsschritten, eines militärischen disengagement, in Europa muß sich auch notwendigerweise mit der deutschen Frage beschäftigen. Die Sowjetführung scheint sich in den letzten Wochen ernsthaft überlegt zu haben, ob es nicht gerade jetzt eine Chance gebe, dem Westen das östliche Sicherheitsbedürfnis so glaubhaft zu machen, daß – etwa auf der Basis der Rapacki- und Gomulka-Pläne – ein zuverlässiger Waffenstillstand, wenn schon keine Friedensregelung in Mitteleuropa eingehandelt werden könnte. Moskau könnte sich von einer solchen Deutschland-Initiative Rückenfreiheit für den Streit mit Peking und Autoritätszuwachs bei seinen Verbündeten erhoffen.

Bei aller äußeren Einmütigkeit, die sie jetzt in Warschau demonstrierten, knüpfen diese Verbündeten freilich auch andere Erwartungen an die europäische Sicherheit. „Europa ist eine Einheit, deren Grenzen sich nicht willkürlich ziehen lassen, sondern vom Atlantik bis zum Ural reichen. Dieses Europa hat gemeinsame kulturelle Traditionen und seine Völker sind wirtschaftlich aufeinander angewiesen.“ Diese Sätze stammen von Radio Budapest, gesendet wenige Tage vor dem Warschauer Treffen des Ostblocks. Ste.