Bei den Gewerkschaften, vor wenigen Jahren noch in starrem Stellungskrieg gegenüber der Arbeitgeberfront verharrend, bricht offenbar mehr und mehr eine Art Gesinnungsfrühling aus. Nicht allein der agile Georg Leber, Chef der IG Bau Steine Erden, betätigt sich als Avantgardist; auch andere Gewerkschaftsführer streben mit sichtlichem Eifer dem Ziel der vielgepredigten „Versachlichung der Tarifgespräche“ zu.

Das neueste – in seiner Art einmalige – Beispiel bietet die Gewerkschaft Textil–Bekleidung. Mit der Arbeitsgemeinschaft der Miederindustrie schloß sie ein freiwilliges Schlichtungsabkommen. Das allein wäre kaum erwähnenswert, zumal nur etwa 18 000 Beschäftigte und 12 Unternehmen davon betroffen sind. Sozialpolitiker und Tarif Strategen horchen jedoch auf, wenn sie vernehmen, daß erstmalig in Europa in dieser Vereinbarung eine Sitzung der Schlichtungsstelle in aller Öffentlichkeit vorgesehen ist, wenn man sich bei der ersten Schlichtungsverhandlung nicht einigen kann.

Mit Recht verweisen Vertreter beider Vertragsparteien auf den mit dieser Regelung indirekt verbundenen Zwang, von vornherein bei künftigen Tarif Verhandlungen sachlich und fundiert miteinander zu reden. Denn in der letzten Instanz, vor der Öffentlichkeit, kann und wird jede Partei nur mit handfesten Argumenten, was Forderungen und Angebote angeht, bestehen können; sie kann dann aber nicht plötzlich anders und mit anderen Zahlen argumentieren als in den vorangegangenen Verhandlungen.

Gewiß, die Miederindustrie – bei der noch niemals der Arbeitsfrieden ernsthaft gefährdet war – ist kein bedeutender und schon von seiner Produktion her mehr ein anschmiegsamer und friedliebender Wirtschaftszweig. Dennoch verdient das Beispiel aus dieser, dem zarten Geschlecht gewidmeten Industrie Nachahmung auch in den Wirtschaftszweigen, die es mit härterem Material zu tun haben. E. B.