Die Siegesparade für Pakistans Präsidenten Ayub Khan begann als Freudenfest und endete in einem blutigen Tumult. Jubelnd wälzte sich der Zug seiner Anhänger durch die Straßen von Karachi. Transparente wurden geschwenkt, und kriegerische Pathanen aus Ayubs Heimatdistrikt schossen mit ihren selbstgebastelten Pistolen in die Luft. Als der Zug das Liaquatabad-Viertel erreichte, kochte das Temperament der Pathanen über. In diesem Viertel wohnen Flüchtlinge aus Indien, die bei der Wahl Ayubs Gegnerin, Fatimah Jinnah, unterstützt hatten. Die Anhänger des Präsidenten gingen zum Angriff auf seine politischen Widersacher über. Die Bilanz: Etwa 30 Tote, 300 Verwundete und 2000 Obdachlose.

Es war ein schlechter Anfang für Ayub Khans neue, nun demokratisch legitimierte Präsidentschaft und gewiß auch kein Beginn nach dem Herzen des Präsidenten, der den Wahlkampf mit dem Motto geführt hatte: „Stabilität, Fortschritt und Einigkeit.“ Der ehemalige General hält nichts von Disziplinlosigkeit. Tumultuarische Szenen passen nicht in sein Bild von einem geordneten Staatswesen, und er mißtraut politischen Leidenschaften. Sie zu dämpfen war sein erstes Bemühen nach dem Sieg. In einer Rundfunkansprache bescheinigte er jenen Bürgern, die gegen ihn gestimmt hatten: „Auch sie haben der Sache der Demokratie gedient Weniger höflich war er gegenüber seiner unterlegenen Konkurrentin, die ihn während des Wahlkampfes als machtlüsternen, undemokratischen Diktator beschimpft hatte. „Sie hat gekämpft, so gut sie es eben verstand“, meinte er sarkastisch, „ich wünsche ihr alles Gute.“

Ayubs gute Wünsche dürften indes kaum der politischen Karriere Fatimah Jinnahs gegolten haben. „Gott sei Dank, das Land ist gerettet“, seufzte er erleichtert, als das Wahlergebnis (über 60 Prozent für Ayub) bekannt wurde. Eine Präsidentschaft der alten Dame, das ist seine feste Überzeugung, hätte für Pakistan einen Rückfall in die chaotischen Zustände vor seiner Machtübernahme bedeutet, hätte die Rückkehr jener Politiker bedeutet, die, wie er einmal sagte, das „Land zum Gespött und die Demokratie zu einer Farce gemacht hatten“. Es ist kaum anzunehmen, daß er ihrer Rückkehr tatenlos zugesehen hätte. Seine Bereitschaft, die Demokratie in ihr Recht zu setzen, hat dort seine Grenze, wo er die politische Stabilität des Landes in Gefahr sieht.

In der Tat hatten die vereinigten Oppositionsparteien als Programm kaum mehr anzubieten als den Sturz Ayubs. Unter seinen Gegnern sind orthodoxe Priester mit ihren Anhängern, denen jegliche Modernisierung mit den Lehren der Propheten unvereinbar scheint, und fortschrittsselige Intellektuelle, die auf eine Idealform der Demokratie eingeschworen sind; zu seinen Opponenten zählen viele Bengalis aus Ostpakistan, die eine Hegemonie Westpakistans fürchten, und Mitglieder der alten Oberschicht, die noch von den angenehmen Zeiten träumen, als sie die Herrschaft unter sich aushandeln konnten.

Während die Opposition Pläne, Ideale und Illusionen hat, kann Ayub Leistungen vorweisen. Er hat als Militärdiktator eine Landreform durchgeführt, von der die Politiker viel gesprochen, die sie aber nie durchzusetzen gewagt hatten. Diese Reform war zwar nicht so radikal, wie es politische Idealisten gewünscht hatten; immerhin wurde die Macht der Feudalherren erheblich beschnitten. Flüchtlingssiedlungen wurden gebaut, die Wirtschaft wurde angekurbelt, die Auslandshilfe floß wieder, und Pakistan eroberte sich einen geachteten Platz in der internationalen Politik.

Überdies hat Ayub, was für einen Militärdiktator nicht eben eine Selbstverständlichkeit ist, keineswegs den Weg zur Demokratie versperrt. Nur will er seine Landsleute sacht diese Straße führen. Für das direkte Wahlrecht hält er sie noch nicht reif. Parlament und Präsident wurden durch Elektoren, die sogenannten „Basis-Demokraten“, gewählt. Daß dieses System die politische Opposition nicht aller Chancen beraubt, zeigt das Wahlergebnis: Mit 60 Prozent der Wählerstimmen pflegen Diktatoren sich normalerweise nicht zufriedenzugeben. Überdies ist es nicht ausgeschlossen, daß Ayub sich allmählich auch mit dem direkten Wahlrecht anfreundet – schon um der Opposition ihr Hauptargument zu entwinden.

Ayub hat eine politische Geschicklichkeit entwickelt, die für einen ehemaligen General erstaunlich ist. Als Absolvent der berühmten englischen Militärakademie Sandhurst ist er in einer Tradition groß geworden, die den politisierenden Offizier nicht kannte. Eine militärische Karriere schien ihm vorbestimmt. Im Zweiten Weltkrieg kommandierte er ein Bataillon an der Burmafront; als Pakistan gegründet wurde, avancierte er innerhalb von vier Jahren zum Oberbefehlshaber, machte sich als Reformator der Armee einen Namen, und war eine Zeitlang auch Verteidigungsminister.