Am Jahresbeginn sah es noch so aus, als stehe im westlichen Bündnis ein Monat klarer Beschlüsse und zukunftweisender Aktion bevor. Diese Erwartung hat sich indessen zerschlagen, noch ehe Lyndon Johnson seinen zweiten Amtseid leistete, Ludwig Erhard mit kleinem Troß nach Rambouillet aufbrach und Harold Wilson den Inhalt seines mehr schlecht als recht assortierten AFN-Bauchladens in Bonn ausbreiten konnte. Heute verdichtet sich der Eindruck, daß statt einer Zeit des Handelns abermals eine Zeit der Stagnation angebrochen ist.

Woran das liegt? An der Kopflosigkeit der führenden westlichen Staatsmänner. Nur in einer der vier großen Hauptstädte regiert derzeit ein Mann von säkularer Statur – in Paris; in den übrigen Metropolen dominiert das Mittelmaß. Nur an der Seine ist eine klare Linie sichtbar; in Bonn, London und Washington herrschen Unsicherheit oder Ratlosigkeit. Nur Charles de Gaulle zeigt noch den ungebrochenen Willen, die Welt nach einem Schema zu formen; die anderen Staatslenker sind froh, wenn sie sich um allzu scharf umrissene Zukunftsvorstellungen herumdrücken können.

Das heißt nicht, daß der General im Elysée das richtige strategische Zeil verfolgt. Seine Taktik freilich ist meisterlich. Zwei Jahre nach seinem brutalen Doppel-Nein zu England und Amerika ist er seinem Ziel näher als je zuvor. Den Verantwortlichen in den anderen drei Hauptstädten hilft es dabei wenig, daß sie das bessere strategische Konzept in der Tasche haben. Ihre Taktik – mögen sie sich noch so viel darauf einbilden – ist miserabel, die akkumulierte Wirkung ihrer Fehler verheerend. Im Augenblick hat es ganz den Anschein, als wollten sie de Gaulle das Feld kampflos räumen.

Die Hauptschuld daran trägt ohne Zweifel Präsident Johnson. Er hat den Vereinigten Staaten, die seit dem Zweiten Weltkrieg zur Führung der westlichen Welt verurteilt sind, den Willen zur Führung genommen. Deshalb darf er sich nicht wundern, wenn die Wankelmütigen ins andere Lager überlaufen, wo ein potenzierter Führungswille vorhanden ist.

Washington kann gegenüber dem gaullistischen Frankreich zwei Wege einschlagen. Einmal kann es versuchen, mit dem General einen Kompromiß auszuhandeln – wenn sich zwischen so himmelweit auseinanderklaffenden Anschauungen überhaupt ein Kompromiß erzielen läßt. Kennedy glaubte nicht an diese Möglichkeit. Deshalb versuchte er es mit der zweiten denkbaren Methode: Er versuchte, durch Zusammenarbeit mit den nichtgaullistischen Partnern Amerikas in Europa Realitäten zu schaffen, denen sich de Gaulle schließlich würde beugen müssen oder denen sich seine weniger störrischen Nachfolger ohne Gesichtsverlust hätten anbequemen können. Diese Politik zielte nicht auf die Isolierung Frankreichs, dem ja ein Platz in der Gemeinschaftsstruktur der übrigen freigehalten werden sollte; vielmehr war es ihr Ziel, diese übrigen gegen den gaullistischen Bazillus zu immunisieren und die Entwicklung zur atlantischen Integration nicht von de Gaulle blockieren zu lassen.

Kennedy verfolgte diese Politik vom Frühjahr 1963 an mit Konsequenz; die MLF wurde ihr Symbol. Dann kam Johnson. Er ließ zunächst alles beim alten und sorgte selber noch im vorigen April dafür, daß Dampf in den MLF-Kesseln blieb. Doch in einem langen Jahr mühseliger „Standortbestimmung“ verlor er am Ende den Kurs: Er gab das Bemühen auf, die Zusammenarbeit mit den Nichtgaullisten zu vertiefen, ohne sich aber zugleich für die Suche nach einem Kompromiß mit Paris zu entscheiden. Johnson tat das eine nicht mehr und das andere noch nicht.

Anfang Dezember noch hatte der Präsident an der Georgetown University die alten Grundsätze bekräftigt. „Jene von uns, die bereit sind, gemeinsam voranzuschreiten – immer mit reiflicher Überlegung, mit gebotenem Respekt für die Interessen anderer, und stets so, daß eine Tür für alle offenbleibt, die später dazustoßen mögen. Wir werden immer nach Übereinstimmung suchen, aber niemals Einstimmigkeit verlangen.“