In diesem Frühjahr wollte Nikita Chruschtschow die Bundesrepublik besuchen. Das Barometer für die Beziehungen zwischen Bonn und Moskau schwankte kurz vor Chruschtschows Sturz zwischen „veränderlich“ und „freundlich“. Vorige Woche jedoch gab es einen Wettersturz. Die neuen Herren im Kreml zeigten sich von ihrer rauhen Seite.

Mit zwei Noten und grobem Propagandageschütz wurde die Bundesrepublik unter Feuer genommen. Moskau attackierte dreierlei:

1. Die angeblichen Pläne des Bundesverteidigungsministeriums für einen Atomminengürtel an der Zonengrenze,

2. die Absicht der Bundesregierung, am 8. Mai die Verjährungsfrist für NS-Verbrechen zu beenden, und

3. das Bonner Einverständnis mit den MLF-Plänen, die schon fast in der Versenkung verschwunden sind.

Die Bundesregierung hatte, ebenso wie bei anderen Staaten, auch in Moskau darum gebeten, ihr noch vor dem 8. Mai Dokumente über NS-Verbrecher auszuhändigen. Doch die sowjetische Regierung will solches Belastungsmaterial nach eigenem Gutdünken, ungebunden an Termine, herausgeben. Der Bundesregierung wurde vorgeworfen, sie wolle „die faktische Amnestie der faschistischen Mörder“ tarnen.

Alle Parteien in Bonn wiesen diese Einmischung entrüstet zurück. Das Bundeskabinett sah keinen Anlaß, darauf einzugehen. Justizminister Bucher hatte schon angekündigt, er werde sich selbst durch Demonstrationen in – Washington und Tel Aviv nicht beeinflussen lassen. Botschafter Groepper wurde angewiesen, die Sowjetnote „wegen der in ihr enthaltenen schweren Beleidigungen“ zurückzusenden.

Die sowjetische Protestnote gegen die Atomminen wurde in Bonn als Propaganda abgetan. Sie war anscheinend ebenso wie der demonstrative Besuch Marschall Gretschkos in der DDR, als Vorspiel zur Warschauer Konferenz gedacht, auf der sich in dieser Woche die Regierungs- und Parteichefs fast aller Ostblockstaaten trafen. Das offizielle Thema der Konferenz hieß: „Bonn und die MLF“; hinter verschlossenen Türen ließ sich dann unauffällig über noch wichtigere Themen reden, zum Beispiel den Konflikt mit China – vielleicht sogar über eine neue Deutschland-Initiative.