Noch ehe sich die deutschen Urlauber über das sensationelle Angebot freuen konnten, hatte es die Konkurrenten schockiert: Libanon – Die Neckermann-Traumreise 1965, für 15 Tage alles inbegriffen, im Direktflug ab Frankfurt mit Düsenflugzeugen vom Typ Boeing 720 für 745 Mark. Es war, als hätten die drei großen deutschen Reiseunternehmen – Touropa, Scharnow und Hummel-Reisen – nur auf den Tag im Dezember vergangenen Jahres gewartet, an dem Deutschlands zweitgrößtes Versandhaus sein Reiseprogramm für die Frühjahrs- und Sommersaison vorlegte. Denn kaum drei Tage vergingen, bis die Wettbewerber, die die Aktivität der Versandhäuser auf ihrem ureigenen Arbeitsgebiet argwöhnisch beobachten, ihre Prospekte vorlegten und ankündigten, die Preise für ihre Flugreisen um 10 bis 35 Prozent zu senken.

Tatsächlich hatte es das bislang in der an Überraschungen nicht armen Lufttouristik noch nicht gegeben. Die Pauschalreisen in das Land der Kreuzzüge hatte bisher immer noch beträchtlich mehr als einen Tausendmarkschein gekostet. Kein Wunder, denn der Preis für den fahrplanmäßigen Flug von Frankfurt nach Beirut und zurück liegt bei 1469 Mark; beim Hin- und Rückflug innerhalb von 23 Tagen ermäßigt er sich auf 1020 Mark. Deshalb blieb die „Schweiz des nahen Ostens“ immer noch ein Urlaubsziel für Wohlhabende, wo neben erdölreichen Scheichs aus den arabischen Ländern vor allem Amerikaner und Briten sowie Franzosen anzutreffen waren.

Wie hat es das Frankfurter Versandhaus möglich gemacht, die Ära eines preiswerten Massentourismus nun auch bei den 2000 Kilometer entfernten Stätten der biblischen Geschichte zu beginnen?

Einmal haben Versandhäuser gegenüber traditionellen Reiseunternehmen einige Vorteile. Sie besitzen schon einen über Jahre gewachsenen festen, treuen Kundenstamm. Neckermann beliefert beispielsweise in jeder Saison etwa 3,7 Millionen Haushalte mit seinen kiloschweren Katalogen, das Versandhaus Quelle sogar über fünf Millionen. Beide Häuser erreichen also mindestens 8,7 Millionen Haushalte. Aber auch die farbkräftigen Reiseprospekte beider Unternehmen werden, (getrennt vom Katalog und frühzeitig vor der Saison) in kaum geringerer Auflage versandt.

Diese Angebote „breit zu streuen“, ist nun nicht nur dank einer elektronisch auswertbaren Kundenkartei sehr preisgünstig möglich; auch über die rund hundert Verkaufsstellen, Agenturen oder Kaufhäuser, die jede der Gesellschaften unterhält, werden die neuen Urlauber geworben. Da die Katalogkundschaft überwiegend zu den Bevölkerungsschichten mit geringerem Einkommen gehört – zum großen Teil Bewohner vom Land oder aus Kleinstädten –, werden Menschen angesprochen, die noch nie an eine Auslandsreise, geschweige denn an eine Flugreise gedacht haben.

Da die beiden Versandhäuser auf diese Weise fast die Hälfte der Bevölkerung im Bundesgebiet direkt erreichen, haben sie diesmal eine recht starke Verhandlungsposition gegenüber den Chartergesellschaften, zum anderen dürfen sie bei ihrer Kalkulation davon ausgehen, daß die Maschinen fast vollständig besetzt sind.

Neckermanns Angebot der Libanonreise wirkte vor allem deshalb so sensationell, weil es in Deutschland noch niemand gewagt hatte, einen vierstrahligen Düsenriesen vom Typ Boeing 720 über ein halbes Jahr von März bis Ende Oktober alle vierzehn Tage zu chartern, um damit jeweils 119 Reisende in den Orient zu fliegen. Der erste Erfolg des neuen Programms zeichnet sich bereits ab. Bis Mitte Januar war bereits mehr als ein Viertel der Plätze für die Libanonreisen gebucht. Neckermann hat sich deshalb in diesen Tagen entschlossen, das Angebot kurzfristig um ein Viertel zu erhöhen. Statt der Boeing 720 soll nun das größere Düsenflugzeug, die Boeing 707, vierzehntäglich 150 Urlauber in den Orient fliegen. Auch alle übrigen Buchungen sind sprunghaft gestiegen.