Von Otto F. Beer

Friedrich Torberg ist, wie man weiß, ein streitbarer Mann. Nicht nur seine Tätigkeit als Theaterkritiker weist ihn als solchen aus, sondern mehr noch seine Funktion als Herausgeber des Forum. Gerade in den Tagen, da die Gefahr bestand, daß diese ausgezeichnete Monatszeitschrift, diese mitunter brillante Präsentation des schreibenden Österreich, in den Strudel der Hans-Deutsch-Affäre geriet und am Ende ihre Existenzbasis einbüßte, gerade in diesen Tagen erschien eine Auswahl der journalistischen Arbeiten, die Torberg in drei Jahrzehnten publiziert hat –

Friedrich Torberg: „Pamphlete, Parodien, Postscripta“; Albert Langen – Georg Müller Verlag, München; 416 S., 26,50 DM.

Torberg war ein erfolgreicher junger Romancier, als er in die Emigration ging. Er ist von dort mit zwei Romanen zurückgekommen (deren einer erst im vergangenen Jahr das deutsche Lesepublikum erreicht hat). Daß der Romanschriftsteller Torberg nun schon so lange schweigt, hat seinen Grund darin, daß die „Forderung des Tages“ sich in diesen Jahren journalistischer Arbeit sehr nachdrücklich vor sein erzählerisches Schaffen geschoben hat. Hier ist nun also das an den Tag gebundene und in Tageszeitungen und Zeitschriften Verstreute zwischen zwei festen Buchdeckeln gesammelt.

Falls dies ein Alibi sein soll, dann ist es ein sehr eindrucksvolles.

Denn diese Pamphlete, Parodien und Postscripta erheben sich durch ihre sprachliche Zucht, ihren Feinschliff über den in unserem heutigen Journalismus üblichen Standard. Marcel Reich-Ranicki hat Torberg in der ZEIT nachgesagt, es sei seine „fatale und fast einzigartige Spezialität, mit virtuosen Mitteln falsche Standpunkte zu vertreten“. Vergleiche mit Tucholsky und Polgar wurden heraufbeschworen. Doch erscheint in der Torbergschen Ahnenkette vor allem Karl Kraus. Dessen Technik, aus Zeitungsausschnitten ein Zeitpanorama zu entwickeln, an Sprachschludrigkeiten Verfallssymptome abzulesen, im journalistischen Mikrokosmos den weltgeschichtlichen Makrokosmos zu spiegeln – sie setzt sich in den Postscripta Torbergs fort.

Der Sprachkünstler und Sprachspieler kommt in diesem Band immerhin auch auf einem rein literarischen Feld zur Geltung. Das erweist sich vor allem am Mittelstück, den Parodien. Mit dem Großmeister auf diesem Gebiet, Robert Neumann, war bereits der junge Torberg freundschaftlich verbunden; er behauptet, Robert Neumann sei damals beträchtlich älter gewesen als er selbst, doch habe sich dies im Lauf der Jahre gegeben. Hier findet sich eine „Einschläferung Noahs“ (aus dem dritten Band des Vorberichts zur Josephs-Tetralogie), der Entwurf zu einem Hollywooder Freud-Film (dessen Abstrusitäten inzwischen durch die Wirklichkeit überholt worden sind), der Salzburger Jedermann schickt sich zu neuem Sterben an, und Godot wartet ab, wie lange die beiden ebenso wie er von Kafka abstammenden Vagabunden noch auf ihn warten sollen, wobei er dem als Boten fungierenden Jungen mit dem „Samuel-Beckett-Institut für geistig zurückgebliebene Kinder“ droht. Doch sind dies Vorpostengefechte, verglichen mit lebenslangen Fehden wie etwa derjenigen, die Torberg mit Bert Brecht ausgetragen hat.