Was ist den Machthabern im Kreml eigentlich wichtiger: Nazimörder der Gerechtigkeit überstellt zu sehen oder das belastende Material gegen diese in der Schublade zu behalten, um es jeweils dann mit moralischer Entrüstung herausziehen zu können, wenn sie sich davon einen propagandistischen Effekt gegen die Bundesrepublik versprechen? Die Bundesregierung hat am 20. November 1964 an alle in Betracht kommenden Staaten – also auch an die Sowjetunion – appelliert, ihr alles dort etwa vorhandene Belastungsmaterial gegen Naziverbrecher zur Verfügung zu stellen, damit durch richterliche Maßnahmen die Verjährungsfrist unterbrochen und die Beschuldigten zur Verantwortung gezogen werden könnten.

Mehrere Staaten haben diesem Appell bereits Folge geleistet. Nicht so die Sowjetunion. In einer Verbalnote beschuldigt sie die Bundesregierung, es gehe ihr nur darum, faschistische Mörder zu amnestieren, nicht sie zu bestrafen. Wie? Die Bundesregierung wolle Mörder schützen? Siebenhundert Verfahren gegen beschuldigte Nazis sind in der Bundesrepublik anhängig. 7000 bis 10 000 Beschuldigte werden sich noch vor deutschen Gerichten zu verantworten haben. Ist das ein Beweis für Schonung?

Und was macht die von Moskau protegierte DDR? Auch Ostberlin zieht aus dem Stapel seines Beweismaterials immer nur dann ein Papier heraus, wenn sich in der Bundesrepublik ein ehemaliger Nazi hervorgewagt hat und eine Rolle spielen möchte, die ihm nicht zukommt. Denn diese tartüffischen Unterlagenbesitzer wollen ja gar nicht Schuld sühnen, sondern nur Profit daraus ziehen. Die Bundesrepublik hat ganz mit Recht die unverschämte Note an den Kreml zurückgeschickt. R. S.