Unser Kritiker sah:

DER SOHN

Schauspiel von Gert Hofmann

Münchner Kammerspiele

Der „Bürgermeister“ ist kein Einzelfall geblieben. Mit jenem Stück hatte der Deutsche Hofmann internationalen Erfolg. Auch seinem „Sohn“ darf eine Bühnenkarriere vorausgesagt werden, obwohl die Münchner Kammerspiele die Uraufführung auf ihrer Studiobühne, im „Werkraumtheater“, herausbrachten. Im „Bürgermeister“ war Hofmanns Vorbild, „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch, noch allzu deutlich erkennbar gewesen. Bedeutsam für die Entwicklung des Dramatikers will es erscheinen, daß sich unter den literarischen Ahnen seines „Sohns“ Hofmanns eigener „Bürgermeister“ befindet: der selbständige, letzte Stückteil, wo der kleine Angestellte Moll Abrechnung mit der Gesellschaft hält.

„Der Sohn“ ist ein gesellschaftskritisches Stück. Diese Einsicht ergibt sich erst im Laufe der Aufführung. Hofmann ist nämlich noch etwas anderes gelungen. Er schrieb zwei Charakterrollen, die einer Mutter und eines falschen Sohnes; aus deren allmählicher Wesensenthüllung entwickelt sich die Handlung. Sie ist spannend, wirkt streckenweise emotionell und bietet zwei tragenden Schauspielern Gelegenheit, Menschen auf die Bühne zu stellen, die – auch undialektisch betrachtet – „stimmen“.

Frau Nickel, deren Sohn Willi seit sieben fahren in Rußland vermißt ist, steht so sehr im Mittelpunkt, daß Hofmann sein Stück ebensogut „Die Mutter“ hätte nennen können. Frau Nickel bedrängt nicht nur den Stadtrat mit Nachforschungen, sie stellt sich auch selber stunden- und nächtelang vergeblich auf den Bahnsteig, um ihren Sohn zu erwarten. Als ihr klar wird, daß sie sein Bild langsam vergißt, spricht sie einen beliebigen Landser an und erfährt, daß dieser ohne Anhang und mittellos ist. In einer suggestiven Szene redet ihm die resignierende Mutter ein: „Willi, du bist’s.“ Und Karlemann nimmt an.