Von René Drommert

Der im vorigen Jahr uraufgeführte Film „Die süße Haut“ (La peau douce) macht stutzig: Wohin entwickelt sich die nouvelle vague? François Truffaut, der nicht nur Regie führte, sondern, zusammen mit Jean-Louis Richard, auch das Drehbuch schrieb, erklärte, nur wenige Filme hätten bisher das Thema Ehebruch ausschließlich behandelt – oft wäre der Ehebruch nur die Handlung im Hintergrund, während sich im Vordergrund eine Kriminalgeschichte oder ein Lustspiel entwickelte. Es habe ihn nun gereizt, in der peau douce eine ausschließliche und zugleich minuziöse Beschreibung des Sujets zu geben.

Nun, das Thema als solches kann nicht die nouvelle vague charakterisieren und rechtfertigen. Es muß doch zum mindesten neuer Wein in den alten Schlauch gegossen werden: Erst ein neues Lebensgefühl, eine erneute kritische Stellungnahme, ein neuer sozialer Bezug können plausibel machen, warum man in unserer Zeit solch einen Film dreht.

Das Minuziöse kann dem Film nicht bestritten werden. Es äußert sich vor allem im Schauspielerischen, in der genauen Funktion, mit der psychische Vorgänge in der Mimik zum Ausdruck kommen und von der Kamera (Raoul Coutard) registriert werden. Da ist nicht lediglich Subtilität am Werk: Truffaut selber hat unter anderem auf wiederholte Divergenzen oder Diskrepanzen hingewiesen, die zwischen den Worten der agierenden Personen und ihrem Mienenspiel erkennbar werden – wenn die Menschen in ihren Äußerungen zurückhaltend sein wollen oder sich selbst belügen: Die Worte sagten etwas aus, das Bild was anderes. Aus dieser Diskrepanz sei unter Umständen starke Leidenschaft abzulesen.

Solch ein Mittel, in gemäßigten (doch sehr effektvollen) Dosen dem Film und dem Fernsehen, aber nicht dem Theater eigen, wird in der peau douce mit Meisterschaft gehandhabt. Das Erstaunliche ist überhaupt, daß der Film dem entgegengesetzt ist, was man von einer Generation im Aufbruch, was man von einer vague erwarten könnte, die sich nouvelle nennt: Wo man Unbeholfenheit im Handwerklichen hinzunehmen bereit wäre, ist er gekonnt bis zur Routine, wo man die eigenbrötlerische, querköpfige, die aufsässige Haltung erwartet, ist der Film gemäßigt und zahm bis zum Konventionellen. Fernsehapparate, startende und landende Düsenmaschinen machen ihn nicht schon modern.

Der dreiundvierzigjährige Herausgeber einer literarischen Zeitschrift in Paris, Pierre Lachenay, der eine siebenunddreißigjährige Frau und eine zehnjährige Tochter hat, verliebt sich auf einer Reise nach Lissabon, wo er einen Vortrag über Balzac und das Geld hält, in eine zweiundzwanzigjährige Stewardeß. Es kommt mit Nicole zum Ehebruch und zu einer Liaison von einiger Dauer, aber er und sie leiden unter den oft peinlichen Umständen ihrer Begegnungen, er spielt zu Hause zunächst das verlogene Spiel einer intakten Ehe weiter, wird aber von seiner Frau Franca entlarvt. Es sieht wie eine Tragödie der Unentschlossenheit aus; als er sich dann doch aufrafft, um ein neues Leben zu beginnen, verläßt ihn seine Freundin Nicole bereits, und ...

In der Inhaltsangabe der Organisation Unifrance Film steht zu lesen, die beiden Autoren Truffaut und Richard „möchten ... den Ablauf des Finales und die ihm eigene Spannung nicht ganz offenbaren“. Bei den Filmfestspielen in Cannes 1964 wurde den Pressevertretern eine Notiz zugestellt, daß „Die süße Haut“ zwar kein Film zum Rätselraten sei, aber: „Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie in Ihren Artikeln den Ausgang des Dramas nicht verraten würden.“