Von Robert Gerwin

Seit Mittwoch voriger Woche hagelt es in der bayerischen Landeshauptstadt gesalzene Proteste, und wie selten sonst schlagen die Wogen des Volkszorns gegen die Mauern des Maximilianeums. Anlaß zu dieser Erregung ist nicht etwa die Erhöhung der Bierpreise, sondern ein Forschungsprojekt einmaliger Art. Nach einem monatelangen Hin und Her von Gerüchten und Dementis sah sich die Bayerische Staatsregierung zu dem Eingeständnis gezwungen, daß sie dem europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf den im Osten Münchens gelegenen Ebersberger Forst als Standort für das neue, mit dem größten Synchrotron der Welt auszustattende Forschungszentrum angeboten habe.

Nun ist man auch in Oberbayern nicht so hinterwäldnerisch, zu verkennen, wieviel es bedeuten würde, zum unumstrittenen Zentrum der Kernforschung in Europa aufzurücken. Alle ernsthaften Kritiker betonen, daß es generell durchaus zu begrüßen sei, wenn die an dem Synchrotron beteiligten zwölf europäischen Länder sich für einen Standort in Bayern entschließen würden. Doch es soll nicht gerade ein Waldgelände sein, das so nahe bei München liegt. Für das Gesamtprojekt wird ein Raumbedarf von etwa zwanzig Quadratkilometern geschätzt, und das bedeutet auch für einen Wald von achtzig Quadratkilometern Ausdehnung wie den Ebersberger Forst eine recht stattliche Wunde. Zudem fürchtet man, daß die Forschungsanlage im Laufe der Jahre wie ein Krebsgeschwür weiterwächst und schließlich den ganzen Wald verschlingt. Man sieht schlimme Folgen für den Wasserhaushalt, für das Kleinklima und nicht zuletzt für die Erholungsmöglichkeiten der Großstadtbevölkerung voraus. Was ist nun wichtiger, ein Wald oder der wissenschaftliche Fortschritt?

Zweifellos hat es die Forschung in Ländern mit einer demokratischen Staatsordnung nicht leicht. Ohne daß ein verantwortungsvoller Wissenschaftler voraussagen könnte, welche praktisch verwertbaren Ergebnisse die gigantischen Forschungszentren einmal liefern werden, mutet man dem Steuerzahler zu, dafür recht erhebliche finanzielle Opfer zu bringen. Im Falle des neuen großen europäischen Beschleunigers schätzt man den gesamten Investitionsbedarf auf 1,4 Milliarden Mark, von denen – allerdings auf acht bis neun Jahre Bauzeit verteilt – nach dem derzeit gültigen CERN-Verteilungsschlüssel etwa 23 Prozent auf die Bundesrepublik entfallen würden. Schwieriger fast als das Geld, ist der Baugrund aufzutreiben. Statt ihn stückweise von privaten Besitzern zu kaufen oder gar einzuklagen, greift der Staat lieber auf seine eigenen Forsten zurück.

Aber muß es gerade ein Forst sein, der – wenn auch heute von den Münchenern wenig besucht – nur etwa dreißig Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ist? Ein Forschungszentrum von internationalem Rang braucht den direkten Kontakt zur wissenschaftlichen Welt. Dazu gehört die Nähe einer Universität oder Technischen Hochschule und ein internationaler Flugplatz, von dem aus man innerhalb weniger Stunden in Genf, Dubna, Brookhaven oder Berkeley sein kann. Alle diese Vorteile bietet der Standort im Ebersberger Forst östlich von München und dazu noch den eines geologisch vorzüglich geeigneten Untergrunds. Da jedes an der europäischen Kernforschung beteiligte Land diese Forschungsstätte gern bei sich beherbergen möchte, muß die Bundesrepublik schon einen verlockenden Standort anbieten. Sonst wird auch dieses Gemeinschaftsprojekt wieder nicht auf ihrem Territorium verwirklicht.

Dafür hätte auch in Bayern der Mann auf der Straße Verständnis gehabt. Aber niemand hatte ihn rechtzeitig unterrichtet. Was derzeit in München und Umgebung geschieht, ist das Resultat einer falschen Informationspolitik. Statt von Anfang an mit offenen Karten zu spielen und die Öffentlichkeit in die bestehenden Pläne einzuweihen, hat man – obgleich hier die Gefahr von Grundstücksspekulationen nicht gegeben war – hinter verschlossenen Türen verhandelt. Den ersten Gerüchten, nach denen der Forst für militärische Zwecke abgeholzt werden sollte, konnte man leicht begegnen. Wahrheitsgemäß versicherte der Landrat von Ebersberg, Dr. Streibl, weder die Bundeswehr noch die amerikanische Armee hätten einen solchen Antrag gestellt. Doch er fügte vielsagend hinzu: „Das ist tatsächlich alles, was ich sagen darf. Die Sache ist ganz geheim.“

Diese Äußerung freilich mußte den Eindruck erwecken, es handele sich hier um ein sehr gefährliches und darum mit allen Mitteln zu bekämpfendes Projekt. Und als die Bayerische Landesregierung schließlich die Katze aus dem Sack ließ, traf denn auch die Nachricht überall auf Skepsis und Ablehnung. Jetzt wird es schwer sein, der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen.