Bonn, im Januar

Es läßt sich nicht mehr verheimlichen, sondern nur noch verniedlichen: Bei dem vielgerühmten Starfighter, dem Glanzstück der Luftwaffe, sind ernste Schwierigkeiten aufgetreten. Die elektronische Navigationsanlage, das Herzstück der Maschine, erfüllt bei weitem nicht die Anforderungen und ist ständig reparaturanfällig. Zwar behaupten die Sprecher des Verteidigungsministeriums, der Düsenjäger sei einsatzfähig, doch stehen dem die Aussagen ausgerechnet der Starfighter-Experten des Ministeriums entgegen. Die Kosten für die Ausbesserung des Elektroniksystems bezifferte das Ministerium bescheiden auf 15 bis 20 Millionen Mark. Der Inspekteur der Luftwaffe, General Panitzki, hatte schon vorher eingeräumt, daß sowohl der Starfighter als auch die zweite Kampfmaschine der Bundeswehl, die Fiat G-91, unter Mängeln litten, die kaun vor Ende 1965 auszumerzen seien.

Was ist wirklich los mit dem Starfighter, dessen Entwicklung und Bau für die Bundesrepublik durch eine lange Kette von Pannen, Verteuerungen und Schwierigkeiten gekennzeichnet sind?

Das Verteidigungsministerium hat mitgeteilt, daß die Bundesrepublik bis zum Jahre 1967 700 startbereite Düsenjäger des Typs Starfighter F-104 G auf den Pisten haben solle. 96 Stück werden komplett von den Lockheed-Werken in den USA bezogen; 604 Exemplare kommen aus europäischer Gemeinschaftsproduktion. Die NATO-Partner Deutschland, Italien, Belgien und Holland montieren den Typ seit 1960 in drei Arbeitsgemeinschaften, wofür die Firma Lockheed kostspielige Lizenzen erteilt hat. Im Sommer 1961 übernahm ein gemeinsamer Planungsstab der vier Länder die Koordinierung der Produktion. (NASMO-Nato Starfighter Management Organization.) Seitdem werden in Koblenz die Termine und Kalkulationen der Zulieferer geprüft, Verbesserungsvorschläge erörtert und die einzelnen Maschinen kritisch abgenommen. Gerade von der NASMO kam die heftigste Kritik

Das Bundesverteidigungsministerium in Bonn gibt den Preis einer nachgebauten Maschine mit 5,4 Millionen und den einer direkt aus den USA bezogenen mit 6 Millionen Mark an. Tatsächlich kommt ein Starfighter die Bundesrepublik auf, rund 8 Millionen Mark und mehr zu stehen, wenn der jährliche Betriebsaufwand (ein bis eineinhalb Millionen Mark) und die Ersatzteilkosten (bis zu zwei Millionen Mark jährlich) pauschal berücksichtigt werden. Bis jetzt sind etwa 325 Starfighter-Lizenzbauten fertig. Außerdem erhält die Bundeswehr 116 Starfighter zu je 5,2 Millionen Mark.

Ursprünglich sollten die Maschinen für knapp fünf Millionen Mark je Exemplar in den USA gekauft werden. Dann jedoch wurde der schnelle Jäger (mehr als zweifache Schallgeschwindigkeit) nach deutschen Konzeptionen umgebaut, damit die Maschine eine dreifache Aufgabe erfüllen kann: Der Starfighter muß der Bundeswehr als Abfangjäger, Jagdbomber und Aufklärer dienen. Die Umbauten wurden sehr kompliziert und kosteten einige hundert Millionen Mark. Das Gewicht des Düsenvogels erhöhte sich vor allem durch eine umfangreiche elektronische Anlage um etwa 850 Kilogramm, was nicht ohne Einfluß auf Wendigkeit und Tempo blieb.

Mit der dreifachen Verwendung hängen auch die jüngsten – und bisher schwerwiegendsten – Ausfälle zusammen. Noch 1964 trafen sich in Koblenz zwei Damen und 33 Herren, darunter zwölf Offiziere, zu einer Sitzung, in der die Schwächen des Starfighters erstmals ganz unverblümt bloßgelegt wurden. Die Offiziere rekrutierten sich aus dem Bundesverteidigungsministerium in Bonn und aus den Wehrministerien oder der Luftwaffe Italiens, Belgiens und der Niederlande; die Mehrzahl gehört dem NASMO-Konsortium an. Ingenieure und Elektroniker, ein amerikanischer Verbindungsoffizier und Beamte des deutschen Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung ergänzten den Teilnehmerkreis. Stundenlang zählten die Experten an Hand zahlreicher Mängellisten, Reparatur- und Kostentabellen die schwerwiegenden Ausfälle der Düsenmaschinen in den vier Ländern auf.