Von Wolfgang Müller-Haeseler

Die glatte Oberfläche, unter der sich im allgemeinen die finanziellen Beziehungen der einzelnen Staaten untereinander abspielen, hat in den letzten Monaten nicht nur einige rauhe Stellen bekommen, es zeigten sich sogar einige tiefgehende Risse. Durch diese Risse wird die Konstruktion des Gebäudes sichtbar, unter dessen Dach sich schon vor Kriegsende die wichtigsten Länder der westlichen Welt zusammengefunden haben, um die Auswirkungen des Krieges auf die Währungen und den internationalen Handel zu beseitigen. Damals waren es 44 Nationen, die in Bretton Woods im Staate New Hampshire im Juli 1944 jene Konvention unterzeichneten, die noch heute das Fundament der westlichen Währungsordnung bildet. Inzwischen gehören dem „Bretton-Woods-System“ 119 Staaten an, mit Ausnahme der Ostblockländer alle wichtigen Länder der Welt.

Die Unruhe, die in den letzten Wochen die internationale Finanzwelt erfaßt hat, kommt nicht von ungefähr. Ebenso klar wie die Verdienste des Systems von Bretton Woods für die Neuordnung und den Wiederaufbau der Welt nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs sind auch seine Schwächen. Äußerer Anlaß für die gegenwärtige Unsicherheit, die sich in Spekulationen um den Dollar und den Goldpreis ausdrückt, war eine mehr beiläufige und wenig sensationelle Maßnahme der Banque de France. Sie hatte angekündigt, daß sie nicht aus normalen Handelsüberschüssen, sondern aus einem außerordentlichen Zufluß stammende Dollar entsprechend den Vereinbarungen von Bretton Woods in den USA gegen Gold eintauschen wolle. So geringfügig der Betrag auch war – man sprach einmal von 300, dann wieder von 600 Millionen Dollar –, so löste diese Ankündigung schon eine weltweite Spekulation gegen den Dollar und den Goldpreis aus.

Der Dollar als Leitwährung

Hier offenbart sich eine Schwäche der Konventionen von 1944, die angesichts der damaligen übermächtigen Gläubigerposition der Vereinigten Staaten zu sehr auf den Dollar zugeschnitten war. Der Dollar wurde zu der einzigen Leitwährung der freien Welt erhoben; die Eintauschrelation und das Verhältnis aller übrigen Währungen untereinander wurden nach dem Dollar ausgerichtet. Lediglich der Dollar selbst wurde direkt an das Gold gekoppelt, und zwar in einem Verhältnis von 35 Dollar je Unze Gold.

Kernstück des Bretton-Woods-Systems ist der Internationale Währungsfonds, der durch die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung – kurz Weltbank genannt – und zwei Tochtergesellschaften mit speziellen Aufgaben für Entwicklungsländer ergänzt wird.

Die Eigenschaften der Leitwährung Dollar drücken sich neben der Festsetzung der Wechselkurse nach dem Dollar auch darin aus, daß die übrigen Mitgliedsländer das Recht haben, ihre Währungsreserven jederzeit in den Vereinigten Staaten gegen Gold einzutauschen. Voraussetzung war, daß die Währungen möglichst schnell konvertibel, das heißt, jederzeit gegen andere Währungen frei austauschbar gemacht werden sollten. Die Eintauschverpflichtung sichert dem Dollar ohne Zweifel die absolute Führungsposition auf diesem Gebiet.