David Thomson: Democracy in France since 1870; Oxford University Press, London; 346 Seiten, 30 s.

Soviel man auch allenthalben bei uns über de Gaulle redet: Frankreich ist in der Bundesrepublik ein politisch unbekanntes Land. Der Hintergrund der Bühne, auf der der General allein und abwechslungsreich agiert, bleibt im Dunkel. Wie wenig wir uns wirklich um Frankreich kümmern, zeigt augenfällig die Tatsache, daß das französische Regierungssystem, seine Grundlagen und Veränderungen, noch immer keine Behandlung in Deutschland gefunden haben. Es gibt die Übersetzungen, Quellenbücher und Aufsätze Gilbert Zieburas zur IV. und V. Republik, es gibt neuerdings den anregenden Essay Armin Möhlers. Aber eine wissenschaftliche Gesamtdarstellung fehlt. In Amerika und England ist das ganz anders. Dort findet man eine Fülle ernsthafter politischer Gesamtanalysen Frankreichs; ja einige der besten Untersuchungen, mehrere Standardwerke stammen aus der englischsprechenden Welt.

Zu dieser Spitzenklasse gehört das hier angezeigte Buch allerdings nicht. Aber es ist eine übersichtliche, gut dokumentierte und leicht lesbare Studie der III., IV. und V. Republik. Hier hat man eine Einführung nicht nur in das Verfassungsrecht und die Parteienstruktur, sondern auch in die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen der Innenpolitik unseres Nachbarlandes. Wer bisher wenig von Frankreich weiß, findet auf etwa dreihundert Seiten eine verläßliche Zusammenfassung der letzten neunzig Jahre französischer politischer Entwicklung.

Die erste Auflage des Buches erschien 1946. Zunächst war es also nur eine Darstellung der III. Republik (1870–1940), ihrer Traditionen, ihrer gesellschaftlichen Grundlagen, ihrer Verfassungstexte und Verfassungsentwicklung, ihrer Versäumnisse und Krisen nach dem Ersten Weltkrieg und ihres Zusammenbruchs im Sommerfeldzug 1940. Inzwischen hat der Autor in zwei weiteren Kapiteln Entstehung und Entwicklung der IV. und V. Republik nachgetragen. Da er aber den ursprünglichen Text der ersten Kapitel im wesentlichen unverändert beibehält, erweckt er den Eindruck, als seien die beiden Nachkriegsrepubliken im Grunde nur eine Fortsetzung der III. Republik, als sei beispielsweise die gesellschaftliche Grundlage im großen und ganzen die gleiche geblieben, als seien die Erschütterungen der republikanischen Traditionen durch mehrere Zusammenbrüche ebenso wie die großen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen der letzten zwölf Jahre letzten Endes nicht wirklich entscheidend.

Das läßt sich hören, darüber läßt sich reden, aber es ist keineswegs ausgemacht, man muß das untersuchen, muß diese Auffassung rechtfertigen. Daran fehlt es. Zwar findet man viele richtige und gute Ausführungen und Einzelurteile – etwa in der abgewogenen Würdigung der sonst häufig geschmähten IV. Republik oder bei der Einordnung de Gaulles in die beiden französischen Traditionen republikanischer Diktatur. Aber weil man eine erweiterte Auflage des ursprünglichen Buches über die III. Republik und kein neues Buch vor sich hat, ist man am Ende unbefriedigt. Besonders das Schlußkapitel über Nationalismus und Demokratie ist enttäuschend. Wer wissen will, wo Frankreich heute steht und wohin es (möglicherweise) geht, wird sich anderswo Rat suchen müssen. Arnulf Baring