Beinahe hätte ich böse Zeilen gegen unseren Innenminister Höcherl geschrieben. Aber da es um der Gerechtigkeit willen nicht sein darf, muß ich ihn um Entschuldigung bitten. Pardon, Herr Minister!

Die Situation ist so, daß unsere Bundespost für prompte Anwendung von Zahlen auf den Briefumschlägen plädiert. Schreibe ich zum Beispiel einen Brief nach Berlin-Dahlem, so darf ich zwar noch „Berlin“ schreiben, aber an Stelle von „Dahlem“ soll ich eine Zahl verwenden, die ich einer Liste zu entnehmen habe. Das sei viel praktischer, sagt die Post. Und bei eben dieser Gelegenheit hat unser Innenminister Höcherl gesagt, es sei nicht schlecht, wenn nicht nur die Stadtteile, sondern auch die Menschen eine Zahl erhielten; dies würde die Arbeit der Bürokratie sehr erleichtern. Hei, wie wurde da mein Widerspruchsgeist erweckt!

Halten zu Gnaden, Herr Minister. Aber eben dies hatte ich für die Ausgeburt eines typisch deutschen Erbübels gehalten. Die Diktatur der Bürokratie nimmt – so wollte ich schimpfen – bei uns zu Lande allgemach nun wirklich überhand. Denn jetzt sollen wir vielleicht sogar auf unsere althergebrachten Namen verzichten und statt dessen Nummern tragen, bloß, weil’s der deutschen Bürokratie so gefällt. Schon, gedachte ich, an die Kriegszeiten zu erinnern, wo ich auf, der Brust eine Blechmarke trug, die manchmal klemmte und manchmal kitzelte – widerlich. Ja, ich war eine Nummer im Lager des „Menschenmaterials“ geworden. Sollte ich abhanden kommen, so hätte die mir zugedachte Zahl es der Bürokratie erleichtert, mich von der Liste zu streichen. Wozu jedoch – so wollte ich toben – sollte ich mitten im Frieden eine Nummer werden?

Verweilen wir einen Augenblick beim Beispiel Berlin-Dahlem. Schreibe ich diese zukünftig unerlaubte Adresse, so schaue ich im Geiste die Villen inmitten ihrer gepflegten Gärten, bewohnt von kultivierten Leuten, die nicht auf den Pfennig zu sehen brauchten, von konservativ gesonnenen Herrschaften, deren Töchter oft, so lange sie jung und hübsch waren, sozialistischen Ideen huldigten. (Der Kies knirschte unter ihren zierlichen Füßen, wenn sie vom Gartentor, wohin man sie geleitet hatte, zur Haustür schwebten.)

Nichts mehr von alledem, was der Name „Dahlem“ in meinem Herzen erweckt. Ich muß statt dessen eine Nummer schreiben.

Keine Villen mehr, keine Gärten, kein Kies, auf dem sozialistische Töchter kapitalistischen Familien wie spöttische Rehe wandeln. Gar nichts mehr von Poesie zarter Erinnerungen.

Ach, meine Herren Post- und Innenminister! Gerade wollte ich meine Feder zur äußersten Schärfe spitzen, um Ihre ultra-deutschen Exzesse bürokratischer Willkür gebührend aufzuspießen, da las ich, daß in Frankreich, im humansten Lande der Welt, genau dasselbe Unglück droht. Auch unsere französischen Freunde sind entschlossen, alles zu numerieren: Stadtteile und Landschaften. „C’est la marche du progrès, c’est le vent de l’histoire“, so schrieb resignierend (im „Figaro“) ein „Unsterblicher“ der Academie Française: Thierry Maulnier. Und er vermutet, daß jedermann zukünftig eine Liste bei sich tragen müsse, aus der er lesen könne, welch alte Namen er durch welch neue Zahl ersetzen müsse, und er erklärt, warum: Weil die elektronischen Apparate, die dereinst die bürokratische Arbeit möglichst selbständig machen sollen, auf Zahlen so viel besser reagieren als auf Buchstaben und Worte. „Es ist der Fortschritt, es ist der Wind der Geschichte.“