Die Szene könnte aus einem jener um die

Jahrhundertwende üblichen Melodramen stammen. Drei Herrenhäuser in der New Yorker City, mitten zwischen den schönsten Beispielen eklektizistischer Architektur, die in den Vereinigten Staaten übriggeblieben sind, sollten gerade abgerissen werden; sie sollten einem dieser neuen Luxus-Appartmenthäuser Platz machen. Eine Gruppe von Abbruchsarbeitern hatte auf der Park Avenue schon das Gerüst aufgebaut und ein Dutzend antiker Marmorkaminsimse weggeschafft, sie war gerade dabei, den Parkettfußboden aufzureißen, da stürzte plötzlich der Präsident der Abbruchfirma herein und befahl ihr einzuhalten. Ein großherziger Wohltäter – später stellte sich heraus, daß es sich um eine Enkelin von John D. Rockefeller sen. gehandelt hat, nämlich die Marquesa de Cuevas – hatte die Häuser für zwei Millionen Dollar gekauft.

Doch der hart an der Zerstörung vorbeigegangene Komplex an der Park Avenue zeigt, daß, wenn nur die Bürger dagegen sind, dem Abbruch Einhalt geboten werden kann. Dazu bedarf es nicht immer erst eines Rockefellers. Von Beacon Hill in Boston bis Nob Hill in San Francisco haben Tausende von stadtbewußten Konservativen ihre Vereine zur Bewahrung von „Altertümern“ gegründet; sie sind in Scharmützel mit Stadträten verstrickt und werden von Gesetzen gezügelt, sie werden gelobt und verschmäht.

Im vergangenen Jahr haben nun weitere zwanzig Städte der USA Gesetze erlassen, die helfen sollen, bis zu einem gewissen Grade architektonische Seltenheiten zu bewahren. Und wo es solche Gesetze nicht gibt, haben die Konservativen einen bemerkenswerten Erfindungsgeist bewiesen. Gerade in der vergangenen Woche retteten sie durch öffentliche Proteste und Sammlungen das 57 Jahre alte schloßähnliche Trianon-Haus in Colorado Springs, das nach dem Muster des „Grand Trianon“ Ludwigs XIV. erbaut worden ist. Nun wird es auseinandergenommen und vorsichtig nach Denver transportiert. „Irgend etwas“, sagte der Kunsthistoriker Carl Weinhardt jun. aus New York, „tut sich im Bewußtsein der öffentlichen Meinung.“

Natürlich behaupten viele Immobilienmakler und Geschäftsleute, daß sich ein bißchen zuviel tue. „Der Wunsch der Öffentlichkeit wird überbewertet“, argumentierte Eugene Rubin von der New Yorker Industrie- und Handelskammer. „Man kann nicht sagen, daß jedes Gebäude, das über fünfzig Jahre alt ist, geschichtliche Bedeutung habe.“ Und Helen Bullock vom „Nationalen Verband zu Erhaltung historischer Güter“ erklärte in der vorletzten Woche: „Wir möchten nicht, daß das Land zu einer Wüste architektonischer Monumente wird mit Samtseilen vor den Türen. Es muß ein triftiger Grund zur Erhaltung vorhanden sein.“ Andere Beobachter sprechen zuweilen von einem „hysterischen Aufbewahrungsdrang“ und von Leuten mit „Gebäudekomplex“.

In San Francisco zum Beispiel werden Staat, Stadt und Privatleute bald 7,3 Millionen Dollar ausgeben, um den Palast der Schönen Künste wiederaufzubauen, ein Überbleibsel der Internationalen Panama-Pazifik-Ausstellung aus dem Jahre 1915. Niemand hat sich jedoch inzwischen schon einen praktischen Verwendungszweck dafür ausgedacht. All dies hätte den Erbauer des Palastes, Bernard Maybeck, wahrscheinlich sehr amüsiert. Zum ersten Versuch einer Restaurierung, vor Jahren schon gemacht, sagte er: Laßt das Ding doch kaputtgehen.“

Neuerdings entwerfen viele Städte ihr Programm für die Denkmalspflege nach einem neuen Slogan: „Erhalten und gebrauchen.“ Das beste Beispiel für diese Bemühungen ist New York, das bis vor kurzem noch weit hinter Städten wie Boston und Philadelphia, die als geradezu restaurierungsbesessen gelten, zurückstand.