Von Fred K. Prieberg

In den letzten Tagen des alten Jahres war die sowjetische Musikwelt hektisch damit beschäftigt, die Position der Oper in der UdSSR zu orten und Vorschläge zu ihrer Verbesserung zu erdenken. Das Plenum des Präsidiums der Komponistenverbände der RSFSR und der UdSSR sowie die künstlerischen Räte der Kulturministerien der Union tagten eine ganze Woche lang mit Komponisten, Musikwissenschaftlern, Regisseuren, Dirigenten und Choreographen.

Sie kamen aus allen Teilen des Landes, selbst aus dem fernen Tiflis und sogar aus den Sowjetrepubliken, in denen es erst seit den dreißiger Jahren schüchterne Anfänge einer Opernkunst gibt; wo ganz plötzlich der große Sprung vom einstimmigen Volksgesang unter Begleitung kläglich zirpender Saiteninstrumente zu der ganzen Pracht und Fülle eines Verdi und Tschaikowskij gemacht werden mußte, weil die Sowjetunion nicht nur eine militärische und wirtschaftliche, sondern auch eine kulturelle Macht sein wollte.

An Hand von Tonbändern und Schallplatten aus dem reichhaltigen Schallarchiv des Moskauer Komponistenhauses informierte man sich über den Bestand. Man nahm die Produktionsstatistik des Opernschaffens befriedigt zur Kenntnis.

Beim zweiten Unionskongreß der Komponisten 1957 hatte Tichon Chrennikow, Erster Sekretär des Präsidiums des Komponistenverbandes und maßgeblicher Mann in der gesamten Sowjetmusik, stolz aufgezählt, daß zwischen 1948 und 1957 nicht weniger als 120 sowjetische Opern komponiert worden seien, von denen mehr als die Hälfte in Szene gingen. Aber nur sechs von diesen 120 Opern kamen in mehr als einem Theater auf die Bühne.

So verkündete der Erste Sekretär denn auch mahnend: „Doch die Oper zu schaffen, die wirklich ganz zum geistigen und seelischen Besitz der Sowjetmenschen wird, die ihr Denken und Fühlen beherrscht – diese Aufgabe liegt noch vor uns. Es gibt hier noch viele ungelöste künstlerische Probleme, besonders in Bezug auf Opern mit Themen der sowjetischen Gegenwart.“

Der jüngste Moskauer Kongreß, der den jetzigen Bestand sichtete, kam zu keinem besseren Ergebnis. Immer noch ist die spezifische und unverwechselbare Sowjetoper im Versuchsstadium. Schon am ersten Tag deckte der prominente Musikwissenschaftler Boris Jarustowskij, Professor am Moskauer Konservatorium, einige eklatante Mängel auf: „In der Saison 1963 gehörten von 201 Titeln im Repertoire der Operntheater 105 sowjetischen Autoren – anscheinend gar nicht so übel. Aber das sind nur äußerliche, ‚nackte‘ Zahlen. In Wirklichkeit kamen von allen Opern Prokofjeffs nur vier auf die Bühne, zwei davon in einem Theater; nur in Moskau und in Riga brachte man ‚Katerina Ismajlowa‘ von Schostakowitsch, in Moskau und in Kischinew ‚Im Sturm‘ von Chrennikow. Achtmal in der Saison wurden im ganzen Lande Schaporins ‚Dekabristen‘ aufgeführt, viermal erklang ‚Die Familie Taras‘ von Kabalewskij. Auf den russischen Theaterzetteln tauchten nur drei Operntitel anderer nationaler Kulturen auf.“